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Interview: Das Fragen hört nie auf

In Ostwestfalen treffen die beiden Hauptstile des Shaolin Kempo zusammen: der eher harte und Karate-ähnliche Stil von Meijers und der weichere Kuntao-Stil von Carel Faulhaber.
Herbert Zielinski ist ein hervorragender und kompetenter Kenner der Kuntao-Matjan-Linie. Im Gespräch verrät das Kempo-Urgestein überraschende Details aus der Frühgeschichte vom Kempo in OWL. Und erweist sich als die erhoffte Quelle zu mehr Verständnis von „rund“.

Steckbrief
Name: Herbert Zielinski
Stil: Shaolin Kempo Hsinshih
Grad: 5. DAN Kempo, 3. DAN Kyusho Jitsu, 1. DAN Kyusho Aiki Jitsu, Reiki Meister
wohnt in: Gütersloh
trainiert: TuS Friedrichsdorf 1900 e.V.

 

Herbert, wann hast Du mit dem Kampfsport angefangen?

Schon als Teenie. Mit 16 habe ich mir eine englischsprachige Loseblattsammlung vom Karate gekauft. Etwas anderes gab es damals gar nicht. Daraus habe ich dann versucht zu üben. Mit 17 Jahren ging es dann unter sportlicher Leitung mit dem Judo los. Dieses Jahr werde ich 70, den Rest müsst Ihr Euch ausrechnen. :-) Damals haben wir in Vlotho gewohnt, trainiert habe ich in Herford. Das habe ich dann bis zu meiner Bundeswehrzeit gemacht. Danach habe ich dann versucht, wieder anzufangen. Aber das Umfeld stimmte da nicht mehr, die Leute empfand ich als komisch. Mit dem Kempo ging es daher erst los, als ich 24 war, da bin ich dann nach Rinteln gefahren.

Du warst in Rinteln aktiv?

Sehr lange sogar. Weiß nur heute kaum noch jemand. Ich war damals einer der Schüler von Ted Verschuur. Ted war wiederum einer der direkten Schüler von Carel Faulhaber, dem eigentlichen Gründer vom Shaolin Kempo. Ted gehörte zum „Ring of Five“, wie seine Meisterschüler noch heute genannt werden. Er nannte seine Interpretation des ursprünglichen Kuntao Matjan von Faulhaber Shaolin Kempo Hsinshih. Tjebbe Laeyendecker war damals Sempai, also „älterer Schüler“. Die beiden waren bei der niederländischen Luftwaffe in einer NATO-Einheit, Ted als Sportlehrer. Meinen 1. DAN habe ich 1976 zusammen mit Andreas Burre in Holland gemacht. Auch kein unbekannter Name im Kalletal …

Der Ring of Five mit (von links) Sifu Rob Faulhaber, Sifu Richard Kudding, Sifu Jimmy Bax, Sifu Ted Verschuur, Sifu E. Lammerts van Bueren.

Der Ring of Five mit (von links) Sifu Rob Faulhaber, Sifu Richard Kudding, Sifu Jimmy Bax, Sifu Ted Verschuur, Sifu E. Lammerts van Bueren.

Andreas hat ein paar Monate eher mit Kempo und Judo begonnen. Mit Judo hörte er aber sehr schnell wieder auf (Judo war die zweite Sportart, die von Ted unterrichtet wurde). Andreas war zu der Zeit so um die 16 Jahre, also eine ganze Ecke jünger als ich. Andreas war ein Draufgänger und hat seinen Sportskameraden schon mal beim Training weh getan. Er war der Ungestüme, harte Typ. Als sich abzeichnete, dass die Holländer uns verlassen werden, wurde ein Nachfolger für die Gruppe gesucht. Da die meisten Schüler weniger Spaß an Andreas‘  hartem Training hatten, fiel die Wahl auf mich, und wir sind dann mit Hochdruck auf die Dan-Prüfung vorbereitet und auch zusammen in Holland geprüft worden.

Ted Verschuur war also Dein erster Kempo-Lehrer?

Genau. In den ersten Jahren bin ich zweigleisig gefahren und habe in den ersten zwei Stunden bei ihm am Judo-Training teilgenommen und anschließend am Kempo-Training. Da aber die Anforderungen mit der Zeit in beiden Sportarten höher wurden, entschied ich mich, nur noch Kempo zu machen. Ted wurde als erster versetzt, und zwar nach Stolzenau/Uchte in Niedersachsen. Einmal pro Woche bin ich mit meinem Trainingspartner und Freund Jürgen Schierholz nach Uchte zu Ted zum Training gefahren, und wir haben ihn beim Aufbau einer neuen Kempo-Gruppe unterstützt. Nach einigen Wochen wurde ich damit betraut, als Sempai die Gruppe zu trainieren. Parallel dazu bereitete Ted uns auf die Jiu Jitsu-Dan-Prüfung vor. Leider wurden wir bei der Prüfung in Holland nicht zugelassen, weil man dort die Meinung vertrat, man müsse erst die Schüler-Grade erworben haben, um anschließend den Dan abzulegen zu können. Und wir hatten ja keine formellen Kyu-Graduierungen abgelegt. Wir hätten zwar den 1. Kyu ablegen können, aber mit dieser Lösung war der liebe Ted nicht einverstanden. Also sind wir unverrichteter Dinge nach Hause gefahren.

Zu der Zeit war Tjebbe noch in Rinteln. Ich erinnere mich, dass er nach rund anderthalb Jahren aber dann auch zurück nach Holland gegangen ist. Es hatte sich in der Zwischenzeit einiges ereignet: Unser Sportskamerad Roland Wieder hatte sich mit seinem Bruder Jürgen und einem seiner Schwager von uns getrennt und in Hohenhausen eine eigene Schule aufgemacht. Das war der Vorgänger vom heutigen Budo SV Kalletal! Übrigens so erfolgreich, dass schnell klar wurde, dass dort ein richtiger „Lehrer“ vonnöten war.

Trainer in Rinteln

Ich übernahm das Training in Rinteln und Andreas Burre einigte sich mit den Hohenhausenern und hat das Kempo-Training dort übernommen. Da er aber meinte, Hsinshih brauche eine Erneuerung, und er sich von uns wohl  unterscheiden wollte, änderte er den Namenszusatz Hsinshih in Hadaka. Er nahm geringfügige Änderungen vor, aber ich würde sagen, es war immer noch Hsinshih. Da sich aber in den Jahren danach eine Reihe verschiedener Trainer mit Hadaka auseinander setzten und jeder meinte, sich mit Abänderungen verewigen zu müssen, hat sich der Stil doch sehr verändert – aus der ursprünglichen weichen und runden Kampfkunst ist immer mehr ein zackiger Karate-ähnlicher Stil geworden.

Ted hatte in den letzten  Jahren in Rinteln schon Probleme mit  dem Oberschenkelmuskel, wo sich ein hühnereigroßes Geschwulst gebildet hatte. Dieses wurde im Krankenhaus zwar entfernt, und die Prognose lautete zur der Zeit „gutartig“, aber leider stellte sich das als Trugschluss heraus, und er verstarb Juni 1981 im Alter von 44 Jahren.
Ted war 3. DAN im Kempo, 2. DAN in Judo und Jiu Jitsu. Nach seinem Tod wurde ihm der 6. DAN verliehen. Auch, um seinen Schülern, allen voran Tjebbe, einen höheren DAN-Grad zu ermöglichen, denn höher als der eigene Meister geht ja nach traditioneller Meinung nicht.

IMG_7437Was sind die Flying Dragons, woher kommt der Name?

Meines Wissens sind die Flying Dragons ein Zusammenschluss von zwei Freunden: Ted Verschurr und Ben Oltmans, ein Karatekünstler aus der Militärzeit in Hameln.

Wie lange warst Du in Rinteln Trainer?

So etwa bis 1979. Wir waren in der Zwischenzeit aufgrund eines Arbeitsstellenwechsels  von Vlotho/Uffeln nach Lemgo/Lieme gezogen. Wegen meines neuen Jobs und Hausbau ist mir Anfang der 80er die Zeit knapp geworden und ich entschloss mich, das Training in Rinteln aufzugeben. Obwohl in Rinteln zu der Zeit schon Braungurte trainierten, hatte keiner die Traute, die Initiative zu übernehmen, um vernünftig weiter zu machen. Es drohte also das Aus der Rintelner Gruppe. Zum Glück übernahm Andreas Burre aus Hohenhausen dann wieder. Daher auch die Verbindung Kalletal – Rinteln. Und da er ja nicht alles alleine machen konnte, übertrug er Jochen Siekmann das Training. Was dieser ja heute noch leitet.IMG_7441

Nach ca einem Jahren hatte ich in Lieme Haus und Arbeit so weit im Griff, dass ich das Angebot eines privaten Fitnessstudios aus Lemgo, bei ihnen als Trainer für Kempo aktiv zu werden, nicht abschlagen konnte. Sie wollten ihr Angebot – außer den gängigen Fitnessangeboten, Judo und der Muckibude – um Karate erweitern. Aber dazu fehlte ein Trainer. Aus dem Karate-Verein Lemgo wollte keiner, und ich war frei. Also kamen sie auf mich zu. Ich war zwar kein Karateka, doch immerhin sah es so ähnlich aus. Parallel dazu trainierte ich noch eine kleine eigene Gruppe im Saal des Liemer Dorfkrugs. Mit dem Sportstudio von Lutz Schweigert ging es allerdings nicht lange gut: Eigentlich war den Kempoka versprochen worden, dass sie auch die Fitness-Geräte mitbenutzen könnten, was dann aber wiederrufen wurde. So gab es Ärger

Bis einer meiner Schüler meinte, wir sollten uns doch trennen und was eigenes machen, das Jugendhaus gegenüber hätte noch Raum frei. Also haben wir den Kempo Club Lemgo e.V. gegründet. Der übrigens, wenn auch nur auf dem Papier, bis letzten Jahres existierte, da habe ich ihn löschen lassen.

IMG_7443In der Lemgo-Zeit warst Du ja ohne Lehrer. Wie bist Du damit umgegangen?

Ich musste mir ja nach dem Tod von Ted Verschuur neue Fixpunkte suchen und habe verschiedene Kempo-Events besucht. Der Name Ted Verschuur hat mir damals einige Türen geöffnet. Gerade in Holland war ich immer gern gesehen, sobald bekannt wurde, dass ich ein Schüler von Ted war. An zwei Nahmen erinnere ich mir besonders gern: an Rene Scharff  und Cor Brugmann. Beide sind Koryphäen der Kampfkünste in Holland.  Bei Cor gefiel mir dessen Verständnis vom Kempo, obwohl er den Meijers-Stil vertrat. Also sind wir  häufig nach Holland getingelt, und seine Schüler haben bei mir ihren Urlaub verbracht, oder die Holländer waren bei uns zu Gast und haben mit uns trainiert, und so konnte ich mich mit ihrem Stil auseinandersetzen. Bei Cor habe ich dann 1981 auch den 2. DAN und 1983 den 3. DAN abgelegt.

Kempo in Lemgo, das kennt heute keiner mehr! Wie ging es dann weiter?

Gar nicht mehr. Mitte der 80er wechselte ich die Arbeitsstelle nach Düsseldorf, wo ich dann sporadisch bei einem Freund Tai Chi versuchte und seine Kung-Fu-Stunden besuchte, die er im Chinesischen Centrum Düsseldorf gab. 1988 zogen wir dann nach Gütersloh. Und mit 40 hatte ich einen Infarkt – damit hatte sich Kempo fürs erste erledigt. Aber ein Kämpfer gibt nicht auf. Ich hab mich aufs Fahrradfahren verlegt, bin zeitweise jeden Tag mindestens 20 Kilometer gefahren. Das führte zum Radwandern und zu Touren von 60 bis 100 Kilometer täglich.

Wie lange dauerte Deine Pause?

Zehn Jahre hab ich an die Aufnahme vom eigenen Kempo-Training nicht gedacht. Obwohl ich zwei junge Männer aus der Nachbarschaft in Kempo unterrichtete, ist mir nicht der Gedanke gekommen, selber wieder aktiv zu werden. Dann kam ein Anruf von einem gewissen Reinhold Weidemann … den Namen hatte ich schon zu meiner Rintelner Zeit mal gehört. Er war mir nach längeren Überlegen als Orange-Gurt in Erinnerung. Reinhold hatte wohl die Aufgabe, Jochens 25jähriges Jubiläum in Rinteln mit zu organisieren. Und er hatte Tjebbe dazu eingeladen, Samstag ein Jubiläums-Seminar abzuhalten. Tjebbe hatte den Wunsch geäußert, ob Reinhold nicht ein Ehemaligen-Treffen in Rinteln organisieren könnte. Was Reinhold dann auch tatsächlich schaffte. Da hat sich die alte Rinteln-Gang, unter anderem mit Andreas Burre, Roland und Jürgen Wieder, Jürgen Schierholz, Ralf Kammel und Tjebbe tatsächlich getroffen. Am folgenden Tag war dann der Lehrgang. Zu dem ich mich hab überreden lassen. Ich wusste gar nicht mehr, wo mein Anzug steckte. Den hat meine Frau aus der tiefsten Versenkung im Keller aufgestöbert. Der sah aus, als hätte ich damit gemauert. Und größenmäßig hatte sich auch einiges geändert. Und so ging es dann wieder los, mit meinem zweiten Kempo-Leben.

Mit welchen Kempo-Größen bist Du heute noch im Austausch? Wie sind Deine Kontakte nach Holland?

Im Austausch stehe ich im Grunde nur mit Tjebbe und seinen Schüler. Dazu müssen wir nach Grave in Holland fahren, wo er seine Schule hat und wo trainiert wird,. Zur Zeit ist Tjebbe gesundheitlich angeschlagen. Und da er anwesend sein möchte, wenn wir da sind, ruhen die Besuche. Zum anderen fahren wir um die 2 Stunden bis nach Grave. Und da nur Donnerstag das Training stattfindet, fahren wir nur dann, wenn Freitags ein Feiertag ist, also ziemlich selten.

Wir sind über die Kempo Associatie Nederland mit den holländischen Kempo-Vereinen verbunden. Da hatten zu Anfang schon mal Lehrgänge  stattgefunden, aber in den letzten Jahren nicht mehr. Im Grunde sind wir zur Zeit nur Beitragszahler. Ich hoffe, das wird sich mal ändern. Ansonsten sind wir bei unserem Seibukan gut aufgehoben.

Kennst Du den in Stammbäumen des holländischen Kempo immer auftauchenden Harry de Spa? Warum stehst Du da nicht dabei?

Ja ich kenne Faulhabers Pentjak Silat Kuntao-Seite und auch den Stammbaum, Harry de Spa ist Holländer und hat schon in der Zeit, wo Ted noch in Holland unterrichtete, mit Harry trainiert. Mir ist zu meiner Zeit Harry nicht bewusst persönlich begegnet. Ich weiß aus Erzählungen, dass er bei Verschuurs gewohnt hat.  In diesem Stammbaum taucht aber auch ein Tjebbe nicht auf oder ein anderer aus unserer Hsinshih-Famili. Es ist ebenso, ich kann damit leben. Wenn ich schon von Kollegen ignoriert werde, die im Prinzip die Schule führen, die ich mal trainiert habe, kann ich auch damit leben, dass mein Name in keiner holländischen Chronik auftaucht.

DSC_0022Genug Geschichte. Was macht Dein eigenes Kempo aus?

Unser Kempo ist rund. Und ich brauche keine Kraft. Ich nehme die Kraft des Angreifers und nutze sie. Das schaffen wir durch verschiedene Techniken, etwa, indem ich ganz dicht an meinen Gegenspieler gehe. So mache ich aus zwei Bewegungsachsen nur noch eine. Die kann ich nämlich viel leichter manipulieren. Jeder, der sich intensiv und lange mit seiner Kampfkunst auseinandersetzt, interpretiert seinen Stil ja auf seine eigene Weise. Und durch meine Herzerkrankung war ich gezwungen, Techniken zu verfeinern und schnell und effektiv zu machen, so dass eine Auseinandersetzung nicht in ein Kräftemessen ausartet, was mich meine Puste kostet.
Ein schönes Kompliment bekam ich eines Tages von Ria Verschuur und Rob Faulhaber, die mich während einer Vorführung sahen. Ria, die Frau von Ted Verschuur, meinte, ich würde mich wie ihr Mann bewegen. Und Rob, einer der Söhne von Carl Faulhaber und Mitglied des Ring of Five, meinte, so hätte es ausgesehen, wenn sein Vater Kuntao gemacht habe. Das hat mich sehr gefreut.

Du bist nicht nur als Authorität im Kempo bekannt, sondern auch durch Dein Kyusho.

Authorität ist übertrieben. Ich bin sicher der älteste Kempoka in Lippe, der noch Kempo  trainiert. Und schon Kempo trainierte, als der eine oder andere noch in Planung war! So würde ich es sehen. Im Laufe der Zeit hat man sich in unterschiedlichsten Kampfkünsten versucht – man könnte es als Erfahrung bezeichnen.

DSC_0034Wie und warum hast Du mit Kyusho begonnen?

Vor 12 bis 13 Jahren hatte ich in einer Karate-Zeitschrift über Kyusho gelesen. Das hatte mein Interesse geweckt und ich wollte mehr darüber erfahre. Zu der Zeit trainierte ich mit meinen Freund Ralf Kammel Kempo. Und wir entschieden uns, mal nach Esbjerg in Dänemark zu fahren. Dort trafen wir auf aufgeschlossene Menschen, die uns so herzlich in Empfang nahmen,  dass wir noch heute gerne hochfahren, um mit ihnen zu trainieren.

Heute zähle ich im Kyusho Dänemark zu den Senior Instructors meines Freundes Karsten Dam, der jedes Jahr aus der Kyusho-Szene Großmeister aus den USA einlädt, mit denen wir trainieren, um unser Wissen zu erweitern. Karsten sagt immer, nur von den Besten können wir lernen. Dazu gehört auf jeden Fall Großmeister Toni Kauhanen, 8. Dan aus Finnland, der seinen Stil Kyusho Aiki Jitsu nennt. Auch bei ihm versuche ich so oft zu trainieren und seine Seminare zu besuchen wie möglich, wenn er in Deutschland ist, um mich weiter zu bilden. Kyusho und das Aiki Jitsu sehe ich als eine Bereicherung meiner Kampfkunst.

Was ist der Unterschied zwischen Kyusho Jitsu und Kyusho Aiki Jitsu?

Im reinen Kyusho setzt man sich in der Hauptsache mit den Nervenpunkten und ihren Anwendungsmöglichkeiten auseinander,. Beim Aiki kommt der Energietransfer noch hinzu – um das Ganze mal grob zu beschreiben.

DSC_0159Welche Ziele verfolgst Du in den nächsten Jahren?
Also zunächst einmal möchte ich noch mindestens 20 Jahre aktiv bleiben. :-) Und dann bin ich natürlich dabei, meine Schüler besser zu machen und ihnen auch zu ermöglichen, den Stil weiterzuführen. Da sind wir auf einem guten Weg, denn ich habe einige wirklich gute Schwarzgurte, die die Gedanken und Ideen zum Kempo Hsinshih zusammen mit mir diskutieren und weiterentwickeln. Ganz wichtig ist mir, und das kann ich nur allen ernsthaften Kampfkünstlern empfehlen, immer offen für neue Gedanken und Erfahrungen zu sein.
Für mich ist das Erlernen einer neuen Stufe im Kempo oder einer neuen Kampfkunst ähnlich wie das Betreten eines großen dunklen Saals. Zu Anfang hat man keine Orientierung und ist verwirrt. Danach beginnt man, Stück für Stück die Grenzen des Raumes und seine Besonderheiten zu erkennen. Und irgendwann bewegt man sich sicher. Bis man an der nächsten Tür zum nächsten Saal steht. Da ist es natürlich wieder duster …
Das hört nie auf. Und man ist immer wieder am zweifeln, ob man selber richtig liegt. Dieses Hinterfragen bleibt Dir erhalten, solange Du Dich ernsthaft weiter in Deiner Kunst übst. Die Suche und die Fragen – das hört nie auf!

Ist Weglaufen immer erste Wahl?

Ist Weglaufen immer erste Wahl? Eine Frage, die mich schon Jahre umtreibt. Kampfkunst und Selbstverteidigung sind eigentlich eins. Die Nutzbarkeit und Überprüfung eigener Techniken auf ihren Sinn und Nutzen in einer fiktiven Auseinandersetzung ist ein Dauerthema. Ich habe das große Vergnügen, dabei mit Experten allerersten Ranges zu trainieren und bei Ihnen Mäuschen zu spielen, ob im regelmäßigen Training oder auf Seminaren. Doch immer, wenn es um die Einführung in das Thema geht, fällt irgendwie zwangsläufig der Satz: „Wegrennen ist immer die beste Verteidigung.“

Selbstverteidigung 01

Beim SV-Training

Und jedesmal sehe ich alle nicken und dieser Aussage zustimmen. „Wir sind eben alle keine Schläger.“ Bei mir denke ich aber immer: Nö! Ich bin auch kein Schläger. Aber ich renn ganz ungern weg. Das hat nichts mit meiner Langsamkeit zu tun (maximal ein wenig …) oder mit einer unterentwickelten und um Anerkennung kämpfenden Persönlichkeitsstruktur (hoffe ich wenigstens …). Ich bin nur immer wieder in Situationen geraten, in denen ich es richtig fand, eben genau NICHT wegzulaufen, sondern sogar eher hinzuschauen und notfalls auch in einen Konflikt zu gehen. Daher die folgenden Gedanken.

Natürlich sind die rund zehn Jahre, in denen ich in Hamburgs Bars und Kneipen oder an der Tür gejobbt habe, nicht ganz unschuldig. Da erlebt man schon ne ganze Menge auch ungewöhnlicher Dinge. Normale Zechpreller hab auch ich nur festgehalten. Die wenigsten armen Schlucker werden rabiat, wenn man sie schnappt. Wurden sie jedoch aggressiv, reichte meist ein Schütteln, um für Ruhe zu sorgen und die Situation zu klären. Dafür braucht man keine Kampfkunst, sondern nur den Willen, sich in dieser Situation durchzusetzen. Der war da, weil ich mich im Recht fühlte.

Ein anderes Kaliber sind Eigentumsdelikte. Ich sehe halt einfach mal hin, wenn mir etwas Ungewöhnliches auffällt. Wer sitzt da im Auto meines Kumpels? Der ist doch noch am Arbeiten? Und tatsächlich – da versuchte doch jemand, aus der alten Karre auch noch das Autoradio zu klauen. Also den Typen aus dem Auto gezogen, ihn sanft Richtung meiner damaligen Arbeitsstätte bugsiert und dort meinem Kumpel „vorgestellt“. Als der die Polizei rufen wollte, ging der erwischte Blödmann doch tatsächlich mit einem Schraubenzieher auf mich los. Blöde Idee. Für ihn …

Ich habe zur damaligen Zeit in einem Hamburger Schrebergarten gewohnt. Nachts, wenn ich vom Job nach Hause kam, waren alle Wege stockdunkel. Da ist es doch komisch, wenn am Gartenzaun des Nachbarn zwei Typen stehen und offensichtlich Dinge aus- oder einbuddeln. Mir war es ziemlich schnuppe, was die verbuddelt haben – in Schrebergärten wird dauernd eingebrochen. Also habe ich die beiden ohne große Diskussionen, aber ganz zahm vom Gartengelände geführt und sie nach Hause geschickt. Erst am nächsten Tag stellte sich raus, dass sie ihre zwei Beutel Heroin beim überhasteten Aufbruch haben liegen lassen. Gefährlich? Keine Ahnung, aber sollte ich pfeifend des Nachts (!) an den Typen vorbeigehen und sie im Garten meines älteren Nachbarn rumhampeln lassen?

Überhaupt Schrebergarten – auch meiner war das Ziel von Langfingern. Beim erstenmal war ich allerdings zu Hause und bin nachts aufgewacht mit dem Gedanken, warum die blöden Katzen denn nebenan so einen Rabatz machen. Also kurz aus dem Bett, Tür auf, da steht ein Typ vor mir. In meinem Haus! Überlegt hab ich erst, als ich gesehen hatte, dass die Haustür sperrangelweit offen stand. Da lag der Kerl allerdings schon und ich war vorbereitet auf seine Kumpel. Kamen aber nicht. Dafür die Polizei. Und ein paar Wochen später dann sogar eine Belobigung vom Hamburger Polizeipräsidium. Für Zivilcourage und so. Hatte aber nix mit Mut zu tun, denn überlegt hatte ich ja gar nicht. Und ausgesucht hab ich mir die Situation auch nicht.

Wewelsburg 113

Auch eine Legende: Highkicks eignen sich nicht zur realen Verteidigung …

Ich könnte jetzt noch eine Weile weitererzählen, von Autoaufbrüchen, Fahrradklau, Frauen belästigen, Ausländer bedrohen – ähnelt sich aber alles. Ich laufe übrigens weder im Auftrage einer Bürgerwehr rum, noch trage ich komische Anzüge und hab Superkräfte (meine Lehrer lachen sich spätestens jetzt tot …).
All diese Dinge sind mir nicht passiert (und passieren mir auch heute noch nicht), weil ich mich willentlich in merkwürdige und gefährliche Situationen begeben und die Auseinandersetzung gesucht habe. Ich laufe nicht des Nachts durch dunkle Gassen und lauere auf Bösewichter. Sie sind passiert, weil ich einfach nicht weggeschaut habe.

Das ist weder moralisch und ethisch besonders vorbildlich noch heldenhaft. Sondern wahrscheinlich ein Ergebnis meiner Erziehung und Prägung. Fußballhooligans und Mob find ich scheiße, Faschos sowieso, und ich darf behaupten, auch kein Problem mit meinem eigenen Aggressionspotential zu haben. Ich kann nur Gewalt gegen Schwächere nicht ausstehen. Und ich habe die Fähigkeit, mich dort, wo ich Unrecht sehe, zu behaupten.

Ich empfinde es nicht als feige, wenn ich oder andere weglaufen. Es liegt mir fern, darüber zu urteilen, ob eine Konfliktvermeidung moralisch okay ist. Ich möchte eigentlich gar nicht über das Verhalten anderer in Bezug auf Auseinandersetzungen urteilen, solange sie nicht die Aggressoren sind. Was ich für mich aber in all den Jahren gelernt habe, ist, dass ich für mich eine Verantwortung spüre, an unrechten Situationen nicht einfach vorbeizulaufen.

Vorbild? Sicher nicht. Auch ich erzähle den Spruch vom Weglaufen, wenn ich SV unterrichte. Doch Menschen sind unterschiedlich. Ich möchte nur zum Nachdenken anregen, ob diese Aussage für uns Kampfkünstler tatsächlich immer und für jeden in jeder Situation stimmt. Für mich stimmt sie nicht.

Kempo ist cool

Kempo ist cool! Kempo ist cool? Echt? Welcher Kampfsport ist eigentlich effektiver, wirkungsvoller oder einfach trendy? Kaum haben Schüler einen gewissen Wissensstand, wird geschlaubergert, nicht zuletzt dank YouTube und Co.. Was nicht selten dazu führt, dass der eigene Stil uncool wird und die jungen oder junggebliebenen Hoffnungsträger abwandern, momentan gerne hin zu Krav Maga, Thaiboxen oder MMA.

Passiert bei uns, im Kempo, genauso. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, denn der Blick über den Horizont ist wichtig. Erfahrungen in anderen Kampfkünsten verbessern die eigenen Fähigkeiten. Auch mir kommen Vorkenntnisse in Taekwondo, Judo oder Kung Fu heute noch sehr gelegen, um Bewegungsabläufe zu verstehen. Aber: anfassen ja, abwandern nein!

Großer Unterschied: Meine Lebenssituationen ließen ein längeres Training in den Vorläufern meiner Kempo-Karriere nicht zu. Ich bin also gar nicht dazu gekommen, die Feinheiten von Wun Hop Kuen Do, Taekwondo und Co. wirklich kennenzulernen. Nur beim Kempo habe ich für mich die persönliche Beständigkeit  und den idealen Mix gefunden, um auch ein wenig weiterzugehen, als nur an der sportlichen Oberfläche zu kratzen und die Beinchen noch ein wenig höher zu schwingen oder noch ein wenig schneller die Backfist pointzufighten.15325271_1147209925364806_5339650939964722931_o

 

 

 

 

Advent Advent, ein Fäustlein brennt …

Was gibt es schöneres in der Vorweihnachtszeit, als sich in trauter Runde zu treffen und sich in harmonischer Eintracht gegenseitig die Arme blau zu kloppen, Gelenke zu malträtieren oder sich durch die Gegend pfeffern zu lassen? Genau das stand bei dem zweiten Seminar „Silat meets Kempo“ von Nikolas Sandrock und Marcus Brehm auf dem Programm. Die beiden tarnen derlei Tun unter dem Namen Silat Suffian Bela Diri. Und rund 25 Kampfsportler aus ganz Ostwestfalen ließen sich auf das festliche Ereignis in der Adventszeit ein. 

Die Überleitungen der realitätsnahen Kampfkunst hin zu Kempo und Karate waren wie das Öffnen gleich aller Türchen eines Weihnachtskalenders auf einmal. Und so ließen sich anschwellende Unterarme, vergossener Schweiß und ein paar Tröpfchen frischen Blutes leicht verschmerzen. Für mich als Anreger dieses Ereignisses war die weihnachtliche Botschaft: Kempo ist cool! Kempo ist hart! Und Kempo ist enorm facettenreich und muss sich vor keiner anderen Kampfkunst verstecken! Natürlich sind die Jungs und Mädels vom Silat und der Faustwerkstatt eine tolle Truppe, die lässig auch härteren Belastungen standhält, sich statt in kratzigen Gi lieber in Schlabberklamotten und T-Shirts wirft und nicht zuletzt häufig mittels großflächiger Tattoo’s klarmacht, dass sie ein wenig aus dem Rahmen fallen.15268022_1144439778975154_4681405794055512371_n

Doch mit Niki Sandrock habe ich den idealen Dozenten an der Angel, der auch dieses Mal vor den 25 Teilnehmern eine Lanze für „sein“ Kempo gebrochen hat. Der Silat-Lehrer mit den Lung Chuan Fa Kempo-Wurzeln machte deutlich, dass er seine Kempo-Ausbildung für die „härteste Kampfkunstzeit seines Lebens“ hält. Richtig unterrichtet und ausgeführt, gibt es hammerharte Abhärtungstrainings, derbe Konditionsdrills und extrem wirkungsvolle Techniken. Nichts gegen Krav Maga, Takewondo oder andere trendige Martial Arts. Doch Kempo mit seinen enormen Möglichkeiten muss sich vor keiner Alternative genieren. Es kommt auf die Lehrer, das Training und vor allem auf die Aktiven an.

 

 

Silat meets Kempo 2.0

Das und die Gemeinsamkeiten mit dem Silat standen bei der Neuauflage von „Silat meets Kempo 2.0“ auf dem Plan. Marcus ließ uns zunächst „etwas intensiver“ an seiner Auffassung von Bodenarbeit und „leichtem Aufwärmen“ teilhaben. Dabei sieht der Detmolder Jung doch eigentlich so nett aus! :-) Nachdem er die versammelte Bande aus Kempoka, Silat- und Bagua-Leuten einmal richtig aufgemischt hatte, war dann Niki dran.

Alter Falter, das Training mit dem Schlaks aus Asendorf ist einfach jedesmal nur geil (sorry!). Die Präzision seiner Bewegungen, das Verständnis von Techniken und ihren Hintergründen, das didaktische Gespür und die Methodik begeistern mich immer wieder. Die fünf Stunden, in denen uns Niki und Marcus durch die Mangel drehten, vergingen jedenfalls wie im Fluge. Was nicht zuletzt, das kann ich nicht müde werden zu betonen, auch an dem besonderen Spirit liegt, den die beiden und die Faustwerkstatt-Truppe im allgemeinen verbreiten. Hier ein paar super gute bewegte Bilder

Die Teilnehmer, vor allem die höher Graduierten im Kempo, bekamen von den beiden Experten jedenfalls reichlich Geschenke mit auf den Weg. Denn das Aufdröseln der Anwendungen in der eigenen Kampfkunst wird noch Monate und Jahre dauern. Struktur, Körperdrehung, Distanzgefühl – im Silat super deutlich, im Kempo aber genauso wichtig. Denn genau das macht das Wesen einer Kampfkunst aus. Anregungen von außen sind super. Doch wichtig ist das Reflektieren und Aufarbeiten des neu Gelernten. Immer nur den Stil wechseln ist wie das Lernen von Sprachen. Wer immer nur ein halbes Jahr in einer Sprache übt, kann überall sein Frühstück organisieren. Doch für eine richtige Unterhaltung reicht es nicht. Also ran an die Basics und sein Kempo verbessern …

Impressionen vom Seminar

 

Knochen knacken in Holland

Knochen knacken in Holland – okay, das war nicht der offizielle Titel. Aber die Voraussetzungen stimmten. Mit Niki und Marcus, Alex und Patrick ging es am ersten Oktober-Wochenende nach Amsterdam. Genauer nach Hoofddorp. Zum Silat-Seminar mit Meister Mornie. Das versprach spannend zu werden, denn Maul Mornie besitzt mittlerweile weltweiten Kultstatus.

Doch Amsterdam besteht nicht nur aus Grachten und Fahrrädern, sondern auch aus Stau, Baustellen und Umleitungen durch ziemlich uniforme Vororte. Und so kamen wir dezent zwei Stunden zu spät zum samstäglichen ersten Trainings-Tag. Veranstaltet wurde das Seminar von der hollandischen SSBD-Gruppe. Angereist waren Teilnehmer aus ganz Europa. Und das Dojo (Gym Satria Muda) ist offensichtlich auch ein klassisches Silat-Dojo mit vielen Gesichtern, denen man ihre Wurzeln in Südostasien ansieht. Auf jeden Fall war es rappelvoll und wir nach wenigen Minuten mittendrin im Geschehen.

Der erste Tag – zu schnell

Ich hatte zuvor meinen Lehrer Niki befragt, ob mein Wissensstand für ein Seminar bei Maul Mornie ausreichen würde. Keine Ahnung, warum er das bestätigte. Wir waren jedenfalls im Kaltstart sofort voll drin im Geschehen. Und die ersten Einheiten fühlte ich mich leicht überfordert, denn Maul verlangte den permanenten Partnerwechsel, um Basis-Drills zu trainieren. Und das ist, wenn man selber noch unsicher ist in Sachen Ablauf, ziemlich herausfordernd. Viele Teilnehmer besaßen nämlich ebenfalls offensichtlich wenig Silat-Vorkenntnisse. Und wenn dann zwei solcher Bewegungs-Legastheniker aufeinandertreffen, gibt es ein wildes Kuddelmuddel in Sachen Arm und Bein. Dabei will man doch gut aussehen, wenn der Meister guckt! Was sich allerdings auszahlte, war das körper- und kontaktbetonte Training von Niki. Da macht es nix, wenn Unterarme aufeinanderkrachen. Jedenfalls mir nicht :-). Die Gegenüber guckten manchmal doch ein wenig … überrascht.

Maul arbeitete einige Drills aus und ließ uns diese in zahlreichen Variationen üben. Dieses Vermitteln von verschiedenen Möglichkeiten, um einem Angriff zu begegnen, ist typisch für Silat. An sich perfekt, doch aufgrund der vielen Teilnehmer und des stark unterschiedlichen Wissensstands ging es mir vielfach viel zu schnell. Kaum hatte ich einen Ablauf halbwegs begriffen, kam schon die nächste Variante. Und der nächste Partner.

Magic Maul Mornie live

Natürlich war es ein Genuss, Maul Mornie in Aktion zu erleben. Traumhaft, mit welcher Sicherheit dieser Silat-Meister sich bewegt, sich immer ideal zu seinem Gegenüber positioniert und auf jede Situation eine Antwort hat. Die Fußarbeit perfekt, die Struktur bombenfest und die Techniken blitzschnell und extrem effektiv. Dazu die ganz besondere Art, mit der Maul sein Publikum (oder seine Anhänger) fesselt: zurückhaltend, respektvoll, mit Humor und ohne große Worte. Genau dieser Gegensatz von absolutem Können, tödlichen Techniken und zugleich respektvollem und zurückhaltendem Umgang macht Maul Mornie so faszinierend. Der lächelt noch charmant, wenn er einem den Kopf abgedreht hat und das Blut spritzt. Da fühlt man sich doch gleich gut aufgehoben! Video vom Seminar in Holland

Soweit kam es nicht. alle blieben (fast) heile. Und ich bekam so langsam eine Ahnung von der SSBD-Familie. Denn obwohl ich die Techniken gern austrainiert hätte, um sie in meinen begriffsstutzigen Schädel zu bekommen, hatten die permanenten Wechsel auch etwas Gutes. Man kommt so mit fast allen in Kontakt. Und die Menschen, die sich der Kampfkunst auf diesem Niveau verschreiben, sind schon etwas wirklich Besonderes. Spinner alle miteinander, sonst verhaut man sich nicht freiwillig gegenseitig so dermaßen. Doch gleichzeitig extrem offen und zugewandt, herzlich und respektvoll. Das, was mich in der Trainingsgruppe von Niki im fernen Kalletal schon so fasziniert, erlebte ich hier auf einem neuen Level, denn hier tickten alle so.

Training beendet, Übernachtungsmöglichkeit bei einem Silat-Freund gefunden und äthiopisches Fingerfood „genossen“: Unsere improvisierte Schlafstätte mitten in Amsterdam verzierte ich durch intensive Waldarbeit. Beim Blick in die geräderten Gesichter meiner Mitstreiter am nächsten Morgen war klar: Ich muss beim nächsten Mal ein Einzelzimmer beziehen.

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Der zweite Tag – am Ende

Am zweiten Seminar-Tag konnten wir die Drills, die unter dem Motto „Attacking Flow“ standen, paarweise mit mehr Zeit üben. Was meinem Lernverhalten deutlich entgegenkam. Und vor allem mit Alex und Patrick hatte ich zwei großartige Partner, denen die Geduld mit dem älteren und ein wenig schwerfälligen und langsamen Kollegen scheinbar kaum abging. Dazu wurden wir noch vom „großen Alex“ und Marina verstärkt, die am Abend zuvor noch nachgekommen waren. Doch am Ende der sieben Stunden, nach unzähligen Würfen und Bodenkontakten, hatte ich das Gefühl, nicht ein einziges Mal mehr aufstehen zu können. Nur Niki und Marcus waren noch topfit und frisch und voll dabei. Doch beim Blick durch die Halle war ich beruhigt: Auch die meisten anderen Teilnehmer waren platt, nicht nur meine Kondition war am Ende.

Fazit: nicht so einfach zu ziehen. Natürlich ist es irre, Maul Mornie einmal nicht nur durch YouTube zu erleben, sondern live in Aktion zu sehen. Aber aus dem Alter von Fan-Gekreische und Autogramm-Jagden bin ich doch etwas raus. Wie bei den meisten Seminaren ging es mir vielfach zu schnell. Da trainiere ich lieber im Kalletal bei Niki und lerne die Techniken in kleiner Gruppe und dann in der Tiefe. Mein Können reicht (noch) nicht, um die Feinheiten, die Maul Mornie den Könnern bietet, wahrnehmen und würdigen zu können.
Doch ein ganz besonderer Genuss war es, sowohl mit „meinen“ Jungs einmal mehr Zeit als nur die wenigen Stunden des Trainings zu verbringen. Als auch, den Spirit der SSBD-Family aufsaugen zu dürfen. Und genau diese beiden Elemente werden es auch sein, die ich bei den nächsten Seminaren von und mit Maul Mornie genießen werde.

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Kinder-Kram

AngruessenSchwupps, da hat es mich wieder. Nachdem ich im ersten Halbjahr ein wenig mehr Silat als Kempo trainiert habe, bin ich jetzt wieder mit Volldampf beim Shaolin Kempo dabei.
Und zwar sowohl bei den Großen als auch bei den Zwergen. Zusammen mit meinen Trainingskollegen Andreas und Andreas habe ich das Kindertraining übernommen, und bis Ende des Jahres auch zeitlich die Hälfte des Erwachsenentrainings.

Was sich ändert

Der Wechsel in der Kindergruppe wurde dringend nötig. Das pure und sture Abfragen von Prüfungsprogrammen, kombiniert mit einem nicht zu erkennenden Plan, wozu das Ganze eigentlich dient, garniert mit einem wenig kindgerechten Hierarchie-Ansatz – das konnte nicht klappen. Übrigens auch nicht bei Erwachsenen. Selbst mein eigener Zwerg war kurz davor, sich lieber ein anderes Hobby zu suchen. Ein halbes Jahr nicht eine neue Technik, keine neuen Impulse – das war verschwendete Zeit. Zuletzt war die Gruppe bis auf ein sehr kleines Häufchen zusammengeschrumpft.
Wer kritisiert, sollte auch selber Verantwortung übernehmen. Also habe ich nicht lange gezögert, als die Frage aufkam, ob ich nicht das Training des Nachwuchses vom Lung Chuan Fa übernehmen wolle.  In den Sommerferien haben sich meine beiden Andreas’se und ich zusammengesetzt und überlegt, was und wie die Kinder eigentlich lernen sollen. Klar: neue Techniken. Und der Spaß sollte wiederkommen.
Uns ist es wichtig, dass wir im Training zwar eine feste Anleitung geben, aber die Kinder auch darüber hinaus ganz allgemein den Sinn von Kampfsport vermittelt bekommen. Und der allererste Sinn ist: Ich werde nicht gehauen. Also üben wir in jeder der knapp bemessenen Stunde jetzt Fallübungen, Rangelspiele und damit Körperkontakt und Ausweichübungen. Angenehmer Nebeneffekt: Außer Dehnübungen und ein paar leichten Krafteinheiten, die extra einfließen, werden die Nachwuchs-Kempoka so auch bestens warm gemacht. Diesen Part übernimmt Andreas Harder, der zwar im Kempo selber noch nicht sehr fortgeschritten ist, aber im Sambo ein echter Meister. Und Sportlehrer, schon in Moskau. Und heute Physiotherapeut. Und selber Papa eines Sohnes, der Kempo betreibt. Besser geht kaum, oder?

Doppelter Andreas

Der zweite Andreas, nämlich der Ross, übernimmt die spielerische Komponente. Andreas ist nicht nur glühender Kempoka und selber extrem ehrgeizig, sondern auch noch sehr wissbegierig und lernwillig. Begeistert hat er sich auf die Aufgabe gestürzt, sich immer neue Spiele auszudenken, zu recherchieren oder abzuwandeln, die im Kindertraining für Auflockerung sorgen, aber trotzdem weiter an der Koordination und der Kraft für den Kampfsport arbeiten. Andreas ist nicht nur selber Sportler, sondern ebenfalls Papa, allerdings gleich von zwei Sprösslingen, die in unserer Kindergruppe aktiv sind. Gemeinsam sind wir also drei Kempoka und drei Väter, deren Kinder allesamt ebenfalls in der Gruppe trainieren. Gibt’s auch nicht so oft … :-)
Und da wir alle drei berufstätig sind, ergänzen wir uns auch dann, wenn mal einer oder zwei von uns nicht können. Die generellen Pläne, was wann und warum trainiert wird, erstelle ich in Absprache. Die beiden Andreas unterstützen, leiten und gestalten aber kräftig mit. So ergänzen wir uns als Trio perfekt. Und siehe da: Die Kindergruppe stabilisiert sich auch in Sachen Teilnehmer wieder. Die Kids zeigen sich lernwillig und leistungsbereit und haben schon enorme Fortschritte gemacht.

Spaß und Ernst

Bemerkenswert und faszinierend für uns alle drei ist die Bereitschaft der Kinder, sich Neuem zu stellen. Und die Tapferkeit, mit der einige sich auch durch manchmal unerfreuliche Erfahrungen durchbeißen. Fallschule ist solch eine echte Herausforderung. Mittlerweile können die kleinen Wirbelwinde fast alle locker vorwärts, rückwärts und seitwärts fallen. Jetzt sind die ersten Würfe dran. Stehen zwar längst noch nicht im Prüfungsprogramm, führen aber die Fallschule perfekt fort. Warum soll man Fallen lernen, wenn man nicht fällt?
Auch die Standfestigkeit hat sich deutlich verbessert. Was nützen mir Stände und Tritte, wenn ich bei deren Ausübung schwanke, bei den Drehungen stolpere und bei Treffern umfalle? Mit einigen neuen Inhalten versuchen wir, die Wackler in den Griff zu bekommen. Mittlerweile sitzen diese Basics und lassen ein vernünftiges Tritt-Training erst möglich werden.
Die nächsten Monate widmen wir uns jetzt den Partnerübungen. Feste Partner gibt es nicht mehr, jeder trainiert jetzt mit jedem. Gerade für die „Schwächeren“ ist es wichtig, mit wechselnden Partnern zu üben, um sich mit den „Starken“ messen und sich verbessern zu können.  Kata streuen wir in jedem Training ein, allerdings eher, damit die Abläufe sitzen. Die korrekte Technik erarbeiten wir uns gemeinsam ganz automatisch durch die Grundschule. Eine eigene Kata-Trainings-Einheit mit Rhythmik, Tempowechsel und Betonung folgt in den nächsten Wochen.
Was aber am allerwichtigsten ist: Es wird gelacht, gekreischt und gequietscht. Die Augen leuchten, auch wenn es anstrengend wird. Der Spaß ist zu spüren, und der Stolz auf das Erreichte. Und das ist der beste Lohn, den wir für unseren Einsatz bekommen können …