Welcher Stil ist auf der Straße der beste? Keiner. Alle.

Selbstverteidigung 08Welcher Stil ist auf der Straße der beste? Ist diese oder jene Technik wirklich wirkungsvoll? Das haut doch in der Realität nie hin! Und überhaupt, Krav Maga (oder eine beliebige andere neue Kampfkunst) ist doch viel wirkungsvoller …

Dauerthema in fast jeder Stunde. Jede Grundtechnik wird in Frage gestellt, immer wieder neue Diskussionen und die Frage nach dem Sinn. Geht mir mittlerweile maximal auf den Wecker. Deshalb diese Zeilen.

Liebe Zweifler, Nörgler und Besserwisser: Mir ist das völlig schnuppe, ob es in einer Kata oder einer der anderen Bewegungsübungen immer alles klappen würde, stünde man damit inmitten einer Schar von kampfeswilligen Bösewichten.

Einstudierte Bewegungsfolgen sind nötig, um Techniken zu üben, zu verstehen und im Training mein Gegenüber nicht zu verletzen. Egal, wieviel Schutz der trägt: Wenn man richtig draufsemmelt, nutzt auch der beste Schutzanzug nix. Dann fällt der um. Und hat nach der dann nötigen Ersten Hilfe keine Lust mehr, sich nochmal hauen zu lassen. Was mir nicht hilft, um eine Technik zu verfeinern. Also übe ich „realitätsfern“. Entweder berühre ich überhaupt nicht, oder ich treffe mit wenig Input. Oder ich verwende Techniken, die im Zweifel eher sportlichen Charakter haben, wie beim Judo.

Hakei 14Auch Vollkontakt ist in der Regel Sport. Also mit Regeln. Die Jungs (und Mädels) hauen sich zwar wirklich um, aber alles streng diszipliniert. Das hat nix mit Selbstverteidigung zu tun, klappt also im Zweifel auch nicht.

Selbstverteidigung, oder besser die realistische Anwendung der Techniken, ist viel eher eine Einstellungssache, denn eine Frage der Technik oder des Stils.

Im Zweifel zieht mir ein Schläger eine Bierflasche auf die Birne, ehe ich überhaupt mitbekomme, dass der sich von mir provoziert fühlt. Da nützt mir mein Stil überhaupt nix. Und während ich die Englein singen höre, tritt der mir noch lustig in die Rippen. Ist ja heute so Mode.
Ich bin eben kein Soziopath, der ständig kampfbereit durch die Gegend läuft. Ich wohne auf dem Land, im beschaulichen Deutschland, in ziemlich geordneten Verhältnissen, mit einem Verhaltenskodex, den mir mindestens meine Eltern, aber auch mein restliches Umfeld mitgegeben haben.
Ich find das auch ziemlich in Ordnung und möchte gar nicht anders sein. Und ich möchte auch nicht mit dem Schläger vom Kiez oder dem Hooligan des nächsten Fußballvereins tauschen. Die und ihren ganzen Werteapparat finde ich nämlich kacke. Obwohl die im Zweifel wesentlich gewaltbereiter sind als ich und … mich damit besiegen könnten.

Selbstverteidigung 27Mir reicht, dass meine Kampfkunst insgesamt es mir ermöglicht, hoffentlich in den meisten Fällen dem ersten Schlag auszuweichen. Vielleicht auch dem zweiten. Und dann bin ich entweder weg. Oder selber dran.

Ob das wirklich klappt? Auf jeden Fall besser, wenn ich fleißig übe und nicht permanent diskutiere und jede einzelne Technik auf ihre angebliche Sinnhaftigkeit überprüfe. Im Zweifel hab ich nämlich deren Ausführung einfach nicht verstanden und brauche noch ein wenig mehr Übung. Oder sie gehört einfach zu meiner KampfKUNST und vervollkommnet sie. Glaubt mir: Mit den Fähigkeiten, die ein Kempoka (oder ein Karateka, Judoka, Kickboxer etc.) im Laufe des jahrelangen Trainings erlangt, ist er für „normale“ Auseinandersetzungen gut gewappnet.
Zu guter letzt: Ich war des öfteren schon in haarigen Situationen. Das intuitive Reagieren klappte bestens. Unbesiegbar fühle ich mich trotzdem nicht. Im Zweifel treffe ich den Typen mit der Bierflasche. Oder der eben mich …

Die Wurst oder Welle im Weg

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Sommertraining mit Sai

Eine längere Sendepause im Blog – warum denn das? Ganz einfach: Das letzte halbe Jahr musste ich mich neu sortieren. Kempo zweimal in der Woche als Trainer, Silat bei Niki und jetzt auch einmal in der Woche bei Alex – dazu neuer Input bei einigen spannenden Seminaren …

Eigentlich hatte ich vor, Ende diesen Jahres die Prüfung zum 2. DAN abzulegen. Meister Zielinski riet mir dazu: „Junge, Du wirst auch nicht jünger. Sieh zu, dass Du weiterkommst.“ Okay, lieber Herbert, wird gemacht! Zunächst fehlte mir aber ein Lehrer für die technischen Anforderungen. 5. Tai Tsuku, 2. Meisterform, 30. bis 40. Kumite … das will ja alles mitgeprüft werden und muss sitzen. Und unsere höheren DAN-Grade im Lung Chuan Fa Kempo, also Witalli, Roman und Florian, sind allesamt zu Ex-Kalletalern geworden, also nicht mehr greifbar. Zum Glück konnte ich meinen Silat-Lehrer Niki dazu bewegen, mir die fehlenden technischen Aspekte näher zu bringen. Der ist schließlich auch 2. DAN, noch nach alter Schule. Und mit meinem alten Partner Uwe bin ich fleißig dabei, die 5. Tai Tsuku zu üben. Wenn ich denn als Trainer dazu komme. Zwar lerne ich in jeder Stunde auch von meinen Schützlingen dazu, allerdings verschieben sich da eher meine didaktischen und rethorischen Fähigkeiten, nicht meine körperlichen …

Trotzdem: Im Winter sollte die nächste Prüfung stattfinden, so der Plan. Steht der Termin erst, erhöht sich auch der Druck. Da wird sich noch die eine oder andere Extra-Zeit rausholen lassen. Doch so ganz stimmig fühlte sich mein Vorhaben trotzdem nicht an. Reicht es, einfach noch ein paar technische Herausforderungen oben drauf zu packen, um den nächsten DAN zu absolvieren? Muss da nicht noch etwas mehr mit mir selber passieren? Gar nicht so einfach zu klären, wenn es keinen „Sensei“ gibt, der einen lenken und leiten kann.

Und genau da setze ich jetzt an. Speziell durch das Silat-Training und einige extra Stunden mit Niki habe ich herausgefunden, was mein nächster Schritt in Sachen Kampfkunst ist. Nämlich ein neues Bewegungsmuster.

Die vibrierende Hüfte, also das Rotieren um die Körpermitte, habe ich mittlerweile in meine eigene Interpretation vom Kempo eingebaut. Die verstärkt die Wirkung einer Bewegung ganz enorm, egal ob Schlag, Tritt oder Block. Und dank der Arbeit im Silat und mit Niki kommt jetzt eine Wellenbewegung des Körpers hinzu, wie sie etwa auch Sensei Yamamoto schon gezeigt hat. Die fließt durch den Körper und sorgt dafür, dass die Bewegungen ganz allgemein geschmeidiger und viel effektiver werden. Hört sich kompliziert an. Und ist es zunächst auch.

Das ist irgendwie typisch für Bewegungsprinzipien. Eigentlich sind sie uns angeboren und ganz natürlich. Doch im Laufe unseres Älter Werdens trainieren wir unseren Körper in Zwangshaltungen, die diese Muster überdecken. Also muss das Zeug wieder „freigelegt“ werden. Für mich alten Kerl keine einfache Aufgabe.

Doch gerade bei der Beschäftigung mit unseren Kata habe ich gemerkt, dass genau dies meine ganz eigene persönliche nächste Stufe ist, die ich meistern möchte. Ich bin nämlich offensichtlich dabei, meine (eigene) Kampfkunst wieder neu zu erfinden. Ein Vorgang, der wohl ganz normal ist, befolgt man den Weg der Kampfkünste. Das jedenfalls höre ich von den Meistern, die ich dazu befrage. Immer dann, wenn man meint, man hätte es geschafft und wäre jetzt aber mal so richtig oberschlau, dann begegnet man einem neuen Aspekt, neuen Lehrer, neuen Einflüssen. Die einem klarmachen: Du bist ne Wurst! Genau so ergeht es momentan mir. Und deswegen wird es bis zu meiner nächsten Prüfung noch ein wenig länger dauern …

 

Ist Weglaufen immer erste Wahl?

Ist Weglaufen immer erste Wahl? Eine Frage, die mich schon Jahre umtreibt. Kampfkunst und Selbstverteidigung sind eigentlich eins. Die Nutzbarkeit und Überprüfung eigener Techniken auf ihren Sinn und Nutzen in einer fiktiven Auseinandersetzung ist ein Dauerthema. Ich habe das große Vergnügen, dabei mit Experten allerersten Ranges zu trainieren und bei Ihnen Mäuschen zu spielen, ob im regelmäßigen Training oder auf Seminaren. Doch immer, wenn es um die Einführung in das Thema geht, fällt irgendwie zwangsläufig der Satz: „Wegrennen ist immer die beste Verteidigung.“

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Beim SV-Training

Und jedesmal sehe ich alle nicken und dieser Aussage zustimmen. „Wir sind eben alle keine Schläger.“ Bei mir denke ich aber immer: Nö! Ich bin auch kein Schläger. Aber ich renn ganz ungern weg. Das hat nichts mit meiner Langsamkeit zu tun (maximal ein wenig …) oder mit einer unterentwickelten und um Anerkennung kämpfenden Persönlichkeitsstruktur (hoffe ich wenigstens …). Ich bin nur immer wieder in Situationen geraten, in denen ich es richtig fand, eben genau NICHT wegzulaufen, sondern sogar eher hinzuschauen und notfalls auch in einen Konflikt zu gehen. Daher die folgenden Gedanken.

Natürlich sind die rund zehn Jahre, in denen ich in Hamburgs Bars und Kneipen oder an der Tür gejobbt habe, nicht ganz unschuldig. Da erlebt man schon ne ganze Menge auch ungewöhnlicher Dinge. Normale Zechpreller hab auch ich nur festgehalten. Die wenigsten armen Schlucker werden rabiat, wenn man sie schnappt. Wurden sie jedoch aggressiv, reichte meist ein Schütteln, um für Ruhe zu sorgen und die Situation zu klären. Dafür braucht man keine Kampfkunst, sondern nur den Willen, sich in dieser Situation durchzusetzen. Der war da, weil ich mich im Recht fühlte.

Ein anderes Kaliber sind Eigentumsdelikte. Ich sehe halt einfach mal hin, wenn mir etwas Ungewöhnliches auffällt. Wer sitzt da im Auto meines Kumpels? Der ist doch noch am Arbeiten? Und tatsächlich – da versuchte doch jemand, aus der alten Karre auch noch das Autoradio zu klauen. Also den Typen aus dem Auto gezogen, ihn sanft Richtung meiner damaligen Arbeitsstätte bugsiert und dort meinem Kumpel „vorgestellt“. Als der die Polizei rufen wollte, ging der erwischte Blödmann doch tatsächlich mit einem Schraubenzieher auf mich los. Blöde Idee. Für ihn …

Ich habe zur damaligen Zeit in einem Hamburger Schrebergarten gewohnt. Nachts, wenn ich vom Job nach Hause kam, waren alle Wege stockdunkel. Da ist es doch komisch, wenn am Gartenzaun des Nachbarn zwei Typen stehen und offensichtlich Dinge aus- oder einbuddeln. Mir war es ziemlich schnuppe, was die verbuddelt haben – in Schrebergärten wird dauernd eingebrochen. Also habe ich die beiden ohne große Diskussionen, aber ganz zahm vom Gartengelände geführt und sie nach Hause geschickt. Erst am nächsten Tag stellte sich raus, dass sie ihre zwei Beutel Heroin beim überhasteten Aufbruch haben liegen lassen. Gefährlich? Keine Ahnung, aber sollte ich pfeifend des Nachts (!) an den Typen vorbeigehen und sie im Garten meines älteren Nachbarn rumhampeln lassen?

Überhaupt Schrebergarten – auch meiner war das Ziel von Langfingern. Beim erstenmal war ich allerdings zu Hause und bin nachts aufgewacht mit dem Gedanken, warum die blöden Katzen denn nebenan so einen Rabatz machen. Also kurz aus dem Bett, Tür auf, da steht ein Typ vor mir. In meinem Haus! Überlegt hab ich erst, als ich gesehen hatte, dass die Haustür sperrangelweit offen stand. Da lag der Kerl allerdings schon und ich war vorbereitet auf seine Kumpel. Kamen aber nicht. Dafür die Polizei. Und ein paar Wochen später dann sogar eine Belobigung vom Hamburger Polizeipräsidium. Für Zivilcourage und so. Hatte aber nix mit Mut zu tun, denn überlegt hatte ich ja gar nicht. Und ausgesucht hab ich mir die Situation auch nicht.

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Auch eine Legende: Highkicks eignen sich nicht zur realen Verteidigung …

Ich könnte jetzt noch eine Weile weitererzählen, von Autoaufbrüchen, Fahrradklau, Frauen belästigen, Ausländer bedrohen – ähnelt sich aber alles. Ich laufe übrigens weder im Auftrage einer Bürgerwehr rum, noch trage ich komische Anzüge und hab Superkräfte (meine Lehrer lachen sich spätestens jetzt tot …).
All diese Dinge sind mir nicht passiert (und passieren mir auch heute noch nicht), weil ich mich willentlich in merkwürdige und gefährliche Situationen begeben und die Auseinandersetzung gesucht habe. Ich laufe nicht des Nachts durch dunkle Gassen und lauere auf Bösewichter. Sie sind passiert, weil ich einfach nicht weggeschaut habe.

Das ist weder moralisch und ethisch besonders vorbildlich noch heldenhaft. Sondern wahrscheinlich ein Ergebnis meiner Erziehung und Prägung. Fußballhooligans und Mob find ich scheiße, Faschos sowieso, und ich darf behaupten, auch kein Problem mit meinem eigenen Aggressionspotential zu haben. Ich kann nur Gewalt gegen Schwächere nicht ausstehen. Und ich habe die Fähigkeit, mich dort, wo ich Unrecht sehe, zu behaupten.

Ich empfinde es nicht als feige, wenn ich oder andere weglaufen. Es liegt mir fern, darüber zu urteilen, ob eine Konfliktvermeidung moralisch okay ist. Ich möchte eigentlich gar nicht über das Verhalten anderer in Bezug auf Auseinandersetzungen urteilen, solange sie nicht die Aggressoren sind. Was ich für mich aber in all den Jahren gelernt habe, ist, dass ich für mich eine Verantwortung spüre, an unrechten Situationen nicht einfach vorbeizulaufen.

Vorbild? Sicher nicht. Auch ich erzähle den Spruch vom Weglaufen, wenn ich SV unterrichte. Doch Menschen sind unterschiedlich. Ich möchte nur zum Nachdenken anregen, ob diese Aussage für uns Kampfkünstler tatsächlich immer und für jeden in jeder Situation stimmt. Für mich stimmt sie nicht.

Kempo ist cool

Kempo ist cool! Kempo ist cool? Echt? Welcher Kampfsport ist eigentlich effektiver, wirkungsvoller oder einfach trendy? Kaum haben Schüler einen gewissen Wissensstand, wird geschlaubergert, nicht zuletzt dank YouTube und Co.. Was nicht selten dazu führt, dass der eigene Stil uncool wird und die jungen oder junggebliebenen Hoffnungsträger abwandern, momentan gerne hin zu Krav Maga, Thaiboxen oder MMA.

Passiert bei uns, im Kempo, genauso. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, denn der Blick über den Horizont ist wichtig. Erfahrungen in anderen Kampfkünsten verbessern die eigenen Fähigkeiten. Auch mir kommen Vorkenntnisse in Taekwondo, Judo oder Kung Fu heute noch sehr gelegen, um Bewegungsabläufe zu verstehen. Aber: anfassen ja, abwandern nein!

Großer Unterschied: Meine Lebenssituationen ließen ein längeres Training in den Vorläufern meiner Kempo-Karriere nicht zu. Ich bin also gar nicht dazu gekommen, die Feinheiten von Wun Hop Kuen Do, Taekwondo und Co. wirklich kennenzulernen. Nur beim Kempo habe ich für mich die persönliche Beständigkeit  und den idealen Mix gefunden, um auch ein wenig weiterzugehen, als nur an der sportlichen Oberfläche zu kratzen und die Beinchen noch ein wenig höher zu schwingen oder noch ein wenig schneller die Backfist pointzufighten.15325271_1147209925364806_5339650939964722931_o

 

 

 

 

Advent Advent, ein Fäustlein brennt …

Was gibt es schöneres in der Vorweihnachtszeit, als sich in trauter Runde zu treffen und sich in harmonischer Eintracht gegenseitig die Arme blau zu kloppen, Gelenke zu malträtieren oder sich durch die Gegend pfeffern zu lassen? Genau das stand bei dem zweiten Seminar „Silat meets Kempo“ von Nikolas Sandrock und Marcus Brehm auf dem Programm. Die beiden tarnen derlei Tun unter dem Namen Silat Suffian Bela Diri. Und rund 25 Kampfsportler aus ganz Ostwestfalen ließen sich auf das festliche Ereignis in der Adventszeit ein. 

Die Überleitungen der realitätsnahen Kampfkunst hin zu Kempo und Karate waren wie das Öffnen gleich aller Türchen eines Weihnachtskalenders auf einmal. Und so ließen sich anschwellende Unterarme, vergossener Schweiß und ein paar Tröpfchen frischen Blutes leicht verschmerzen. Für mich als Anreger dieses Ereignisses war die weihnachtliche Botschaft: Kempo ist cool! Kempo ist hart! Und Kempo ist enorm facettenreich und muss sich vor keiner anderen Kampfkunst verstecken! Natürlich sind die Jungs und Mädels vom Silat und der Faustwerkstatt eine tolle Truppe, die lässig auch härteren Belastungen standhält, sich statt in kratzigen Gi lieber in Schlabberklamotten und T-Shirts wirft und nicht zuletzt häufig mittels großflächiger Tattoo’s klarmacht, dass sie ein wenig aus dem Rahmen fallen.15268022_1144439778975154_4681405794055512371_n

Doch mit Niki Sandrock habe ich den idealen Dozenten an der Angel, der auch dieses Mal vor den 25 Teilnehmern eine Lanze für „sein“ Kempo gebrochen hat. Der Silat-Lehrer mit den Lung Chuan Fa Kempo-Wurzeln machte deutlich, dass er seine Kempo-Ausbildung für die „härteste Kampfkunstzeit seines Lebens“ hält. Richtig unterrichtet und ausgeführt, gibt es hammerharte Abhärtungstrainings, derbe Konditionsdrills und extrem wirkungsvolle Techniken. Nichts gegen Krav Maga, Takewondo oder andere trendige Martial Arts. Doch Kempo mit seinen enormen Möglichkeiten muss sich vor keiner Alternative genieren. Es kommt auf die Lehrer, das Training und vor allem auf die Aktiven an.

 

 

Silat meets Kempo 2.0

Das und die Gemeinsamkeiten mit dem Silat standen bei der Neuauflage von „Silat meets Kempo 2.0“ auf dem Plan. Marcus ließ uns zunächst „etwas intensiver“ an seiner Auffassung von Bodenarbeit und „leichtem Aufwärmen“ teilhaben. Dabei sieht der Detmolder Jung doch eigentlich so nett aus! :-) Nachdem er die versammelte Bande aus Kempoka, Silat- und Bagua-Leuten einmal richtig aufgemischt hatte, war dann Niki dran.

Alter Falter, das Training mit dem Schlaks aus Asendorf ist einfach jedesmal nur geil (sorry!). Die Präzision seiner Bewegungen, das Verständnis von Techniken und ihren Hintergründen, das didaktische Gespür und die Methodik begeistern mich immer wieder. Die fünf Stunden, in denen uns Niki und Marcus durch die Mangel drehten, vergingen jedenfalls wie im Fluge. Was nicht zuletzt, das kann ich nicht müde werden zu betonen, auch an dem besonderen Spirit liegt, den die beiden und die Faustwerkstatt-Truppe im allgemeinen verbreiten. Hier ein paar super gute bewegte Bilder

Die Teilnehmer, vor allem die höher Graduierten im Kempo, bekamen von den beiden Experten jedenfalls reichlich Geschenke mit auf den Weg. Denn das Aufdröseln der Anwendungen in der eigenen Kampfkunst wird noch Monate und Jahre dauern. Struktur, Körperdrehung, Distanzgefühl – im Silat super deutlich, im Kempo aber genauso wichtig. Denn genau das macht das Wesen einer Kampfkunst aus. Anregungen von außen sind super. Doch wichtig ist das Reflektieren und Aufarbeiten des neu Gelernten. Immer nur den Stil wechseln ist wie das Lernen von Sprachen. Wer immer nur ein halbes Jahr in einer Sprache übt, kann überall sein Frühstück organisieren. Doch für eine richtige Unterhaltung reicht es nicht. Also ran an die Basics und sein Kempo verbessern …

Impressionen vom Seminar

 

Kinder-Kram

AngruessenSchwupps, da hat es mich wieder. Nachdem ich im ersten Halbjahr ein wenig mehr Silat als Kempo trainiert habe, bin ich jetzt wieder mit Volldampf beim Shaolin Kempo dabei.
Und zwar sowohl bei den Großen als auch bei den Zwergen. Zusammen mit meinen Trainingskollegen Andreas und Andreas habe ich das Kindertraining übernommen, und bis Ende des Jahres auch zeitlich die Hälfte des Erwachsenentrainings.

Was sich ändert

Der Wechsel in der Kindergruppe wurde dringend nötig. Das pure und sture Abfragen von Prüfungsprogrammen, kombiniert mit einem nicht zu erkennenden Plan, wozu das Ganze eigentlich dient, garniert mit einem wenig kindgerechten Hierarchie-Ansatz – das konnte nicht klappen. Übrigens auch nicht bei Erwachsenen. Selbst mein eigener Zwerg war kurz davor, sich lieber ein anderes Hobby zu suchen. Ein halbes Jahr nicht eine neue Technik, keine neuen Impulse – das war verschwendete Zeit. Zuletzt war die Gruppe bis auf ein sehr kleines Häufchen zusammengeschrumpft.
Wer kritisiert, sollte auch selber Verantwortung übernehmen. Also habe ich nicht lange gezögert, als die Frage aufkam, ob ich nicht das Training des Nachwuchses vom Lung Chuan Fa übernehmen wolle.  In den Sommerferien haben sich meine beiden Andreas’se und ich zusammengesetzt und überlegt, was und wie die Kinder eigentlich lernen sollen. Klar: neue Techniken. Und der Spaß sollte wiederkommen.
Uns ist es wichtig, dass wir im Training zwar eine feste Anleitung geben, aber die Kinder auch darüber hinaus ganz allgemein den Sinn von Kampfsport vermittelt bekommen. Und der allererste Sinn ist: Ich werde nicht gehauen. Also üben wir in jeder der knapp bemessenen Stunde jetzt Fallübungen, Rangelspiele und damit Körperkontakt und Ausweichübungen. Angenehmer Nebeneffekt: Außer Dehnübungen und ein paar leichten Krafteinheiten, die extra einfließen, werden die Nachwuchs-Kempoka so auch bestens warm gemacht. Diesen Part übernimmt Andreas Harder, der zwar im Kempo selber noch nicht sehr fortgeschritten ist, aber im Sambo ein echter Meister. Und Sportlehrer, schon in Moskau. Und heute Physiotherapeut. Und selber Papa eines Sohnes, der Kempo betreibt. Besser geht kaum, oder?

Doppelter Andreas

Der zweite Andreas, nämlich der Ross, übernimmt die spielerische Komponente. Andreas ist nicht nur glühender Kempoka und selber extrem ehrgeizig, sondern auch noch sehr wissbegierig und lernwillig. Begeistert hat er sich auf die Aufgabe gestürzt, sich immer neue Spiele auszudenken, zu recherchieren oder abzuwandeln, die im Kindertraining für Auflockerung sorgen, aber trotzdem weiter an der Koordination und der Kraft für den Kampfsport arbeiten. Andreas ist nicht nur selber Sportler, sondern ebenfalls Papa, allerdings gleich von zwei Sprösslingen, die in unserer Kindergruppe aktiv sind. Gemeinsam sind wir also drei Kempoka und drei Väter, deren Kinder allesamt ebenfalls in der Gruppe trainieren. Gibt’s auch nicht so oft … :-)
Und da wir alle drei berufstätig sind, ergänzen wir uns auch dann, wenn mal einer oder zwei von uns nicht können. Die generellen Pläne, was wann und warum trainiert wird, erstelle ich in Absprache. Die beiden Andreas unterstützen, leiten und gestalten aber kräftig mit. So ergänzen wir uns als Trio perfekt. Und siehe da: Die Kindergruppe stabilisiert sich auch in Sachen Teilnehmer wieder. Die Kids zeigen sich lernwillig und leistungsbereit und haben schon enorme Fortschritte gemacht.

Spaß und Ernst

Bemerkenswert und faszinierend für uns alle drei ist die Bereitschaft der Kinder, sich Neuem zu stellen. Und die Tapferkeit, mit der einige sich auch durch manchmal unerfreuliche Erfahrungen durchbeißen. Fallschule ist solch eine echte Herausforderung. Mittlerweile können die kleinen Wirbelwinde fast alle locker vorwärts, rückwärts und seitwärts fallen. Jetzt sind die ersten Würfe dran. Stehen zwar längst noch nicht im Prüfungsprogramm, führen aber die Fallschule perfekt fort. Warum soll man Fallen lernen, wenn man nicht fällt?
Auch die Standfestigkeit hat sich deutlich verbessert. Was nützen mir Stände und Tritte, wenn ich bei deren Ausübung schwanke, bei den Drehungen stolpere und bei Treffern umfalle? Mit einigen neuen Inhalten versuchen wir, die Wackler in den Griff zu bekommen. Mittlerweile sitzen diese Basics und lassen ein vernünftiges Tritt-Training erst möglich werden.
Die nächsten Monate widmen wir uns jetzt den Partnerübungen. Feste Partner gibt es nicht mehr, jeder trainiert jetzt mit jedem. Gerade für die „Schwächeren“ ist es wichtig, mit wechselnden Partnern zu üben, um sich mit den „Starken“ messen und sich verbessern zu können.  Kata streuen wir in jedem Training ein, allerdings eher, damit die Abläufe sitzen. Die korrekte Technik erarbeiten wir uns gemeinsam ganz automatisch durch die Grundschule. Eine eigene Kata-Trainings-Einheit mit Rhythmik, Tempowechsel und Betonung folgt in den nächsten Wochen.
Was aber am allerwichtigsten ist: Es wird gelacht, gekreischt und gequietscht. Die Augen leuchten, auch wenn es anstrengend wird. Der Spaß ist zu spüren, und der Stolz auf das Erreichte. Und das ist der beste Lohn, den wir für unseren Einsatz bekommen können …