Ist Weglaufen immer erste Wahl?

Ist Weglaufen immer erste Wahl? Eine Frage, die mich schon Jahre umtreibt. Kampfkunst und Selbstverteidigung sind eigentlich eins. Die Nutzbarkeit und Überprüfung eigener Techniken auf ihren Sinn und Nutzen in einer fiktiven Auseinandersetzung ist ein Dauerthema. Ich habe das große Vergnügen, dabei mit Experten allerersten Ranges zu trainieren und bei Ihnen Mäuschen zu spielen, ob im regelmäßigen Training oder auf Seminaren. Doch immer, wenn es um die Einführung in das Thema geht, fällt irgendwie zwangsläufig der Satz: „Wegrennen ist immer die beste Verteidigung.“

Selbstverteidigung 01

Beim SV-Training

Und jedesmal sehe ich alle nicken und dieser Aussage zustimmen. „Wir sind eben alle keine Schläger.“ Bei mir denke ich aber immer: Nö! Ich bin auch kein Schläger. Aber ich renn ganz ungern weg. Das hat nichts mit meiner Langsamkeit zu tun (maximal ein wenig …) oder mit einer unterentwickelten und um Anerkennung kämpfenden Persönlichkeitsstruktur (hoffe ich wenigstens …). Ich bin nur immer wieder in Situationen geraten, in denen ich es richtig fand, eben genau NICHT wegzulaufen, sondern sogar eher hinzuschauen und notfalls auch in einen Konflikt zu gehen. Daher die folgenden Gedanken.

Natürlich sind die rund zehn Jahre, in denen ich in Hamburgs Bars und Kneipen oder an der Tür gejobbt habe, nicht ganz unschuldig. Da erlebt man schon ne ganze Menge auch ungewöhnlicher Dinge. Normale Zechpreller hab auch ich nur festgehalten. Die wenigsten armen Schlucker werden rabiat, wenn man sie schnappt. Wurden sie jedoch aggressiv, reichte meist ein Schütteln, um für Ruhe zu sorgen und die Situation zu klären. Dafür braucht man keine Kampfkunst, sondern nur den Willen, sich in dieser Situation durchzusetzen. Der war da, weil ich mich im Recht fühlte.

Ein anderes Kaliber sind Eigentumsdelikte. Ich sehe halt einfach mal hin, wenn mir etwas Ungewöhnliches auffällt. Wer sitzt da im Auto meines Kumpels? Der ist doch noch am Arbeiten? Und tatsächlich – da versuchte doch jemand, aus der alten Karre auch noch das Autoradio zu klauen. Also den Typen aus dem Auto gezogen, ihn sanft Richtung meiner damaligen Arbeitsstätte bugsiert und dort meinem Kumpel „vorgestellt“. Als der die Polizei rufen wollte, ging der erwischte Blödmann doch tatsächlich mit einem Schraubenzieher auf mich los. Blöde Idee. Für ihn …

Ich habe zur damaligen Zeit in einem Hamburger Schrebergarten gewohnt. Nachts, wenn ich vom Job nach Hause kam, waren alle Wege stockdunkel. Da ist es doch komisch, wenn am Gartenzaun des Nachbarn zwei Typen stehen und offensichtlich Dinge aus- oder einbuddeln. Mir war es ziemlich schnuppe, was die verbuddelt haben – in Schrebergärten wird dauernd eingebrochen. Also habe ich die beiden ohne große Diskussionen, aber ganz zahm vom Gartengelände geführt und sie nach Hause geschickt. Erst am nächsten Tag stellte sich raus, dass sie ihre zwei Beutel Heroin beim überhasteten Aufbruch haben liegen lassen. Gefährlich? Keine Ahnung, aber sollte ich pfeifend des Nachts (!) an den Typen vorbeigehen und sie im Garten meines älteren Nachbarn rumhampeln lassen?

Überhaupt Schrebergarten – auch meiner war das Ziel von Langfingern. Beim erstenmal war ich allerdings zu Hause und bin nachts aufgewacht mit dem Gedanken, warum die blöden Katzen denn nebenan so einen Rabatz machen. Also kurz aus dem Bett, Tür auf, da steht ein Typ vor mir. In meinem Haus! Überlegt hab ich erst, als ich gesehen hatte, dass die Haustür sperrangelweit offen stand. Da lag der Kerl allerdings schon und ich war vorbereitet auf seine Kumpel. Kamen aber nicht. Dafür die Polizei. Und ein paar Wochen später dann sogar eine Belobigung vom Hamburger Polizeipräsidium. Für Zivilcourage und so. Hatte aber nix mit Mut zu tun, denn überlegt hatte ich ja gar nicht. Und ausgesucht hab ich mir die Situation auch nicht.

Wewelsburg 113

Auch eine Legende: Highkicks eignen sich nicht zur realen Verteidigung …

Ich könnte jetzt noch eine Weile weitererzählen, von Autoaufbrüchen, Fahrradklau, Frauen belästigen, Ausländer bedrohen – ähnelt sich aber alles. Ich laufe übrigens weder im Auftrage einer Bürgerwehr rum, noch trage ich komische Anzüge und hab Superkräfte (meine Lehrer lachen sich spätestens jetzt tot …).
All diese Dinge sind mir nicht passiert (und passieren mir auch heute noch nicht), weil ich mich willentlich in merkwürdige und gefährliche Situationen begeben und die Auseinandersetzung gesucht habe. Ich laufe nicht des Nachts durch dunkle Gassen und lauere auf Bösewichter. Sie sind passiert, weil ich einfach nicht weggeschaut habe.

Das ist weder moralisch und ethisch besonders vorbildlich noch heldenhaft. Sondern wahrscheinlich ein Ergebnis meiner Erziehung und Prägung. Fußballhooligans und Mob find ich scheiße, Faschos sowieso, und ich darf behaupten, auch kein Problem mit meinem eigenen Aggressionspotential zu haben. Ich kann nur Gewalt gegen Schwächere nicht ausstehen. Und ich habe die Fähigkeit, mich dort, wo ich Unrecht sehe, zu behaupten.

Ich empfinde es nicht als feige, wenn ich oder andere weglaufen. Es liegt mir fern, darüber zu urteilen, ob eine Konfliktvermeidung moralisch okay ist. Ich möchte eigentlich gar nicht über das Verhalten anderer in Bezug auf Auseinandersetzungen urteilen, solange sie nicht die Aggressoren sind. Was ich für mich aber in all den Jahren gelernt habe, ist, dass ich für mich eine Verantwortung spüre, an unrechten Situationen nicht einfach vorbeizulaufen.

Vorbild? Sicher nicht. Auch ich erzähle den Spruch vom Weglaufen, wenn ich SV unterrichte. Doch Menschen sind unterschiedlich. Ich möchte nur zum Nachdenken anregen, ob diese Aussage für uns Kampfkünstler tatsächlich immer und für jeden in jeder Situation stimmt. Für mich stimmt sie nicht.

Kempo ist cool

Kempo ist cool! Kempo ist cool? Echt? Welcher Kampfsport ist eigentlich effektiver, wirkungsvoller oder einfach trendy? Kaum haben Schüler einen gewissen Wissensstand, wird geschlaubergert, nicht zuletzt dank YouTube und Co.. Was nicht selten dazu führt, dass der eigene Stil uncool wird und die jungen oder junggebliebenen Hoffnungsträger abwandern, momentan gerne hin zu Krav Maga, Thaiboxen oder MMA.

Passiert bei uns, im Kempo, genauso. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, denn der Blick über den Horizont ist wichtig. Erfahrungen in anderen Kampfkünsten verbessern die eigenen Fähigkeiten. Auch mir kommen Vorkenntnisse in Taekwondo, Judo oder Kung Fu heute noch sehr gelegen, um Bewegungsabläufe zu verstehen. Aber: anfassen ja, abwandern nein!

Großer Unterschied: Meine Lebenssituationen ließen ein längeres Training in den Vorläufern meiner Kempo-Karriere nicht zu. Ich bin also gar nicht dazu gekommen, die Feinheiten von Wun Hop Kuen Do, Taekwondo und Co. wirklich kennenzulernen. Nur beim Kempo habe ich für mich die persönliche Beständigkeit  und den idealen Mix gefunden, um auch ein wenig weiterzugehen, als nur an der sportlichen Oberfläche zu kratzen und die Beinchen noch ein wenig höher zu schwingen oder noch ein wenig schneller die Backfist pointzufighten.15325271_1147209925364806_5339650939964722931_o

 

 

 

 

Advent Advent, ein Fäustlein brennt …

Was gibt es schöneres in der Vorweihnachtszeit, als sich in trauter Runde zu treffen und sich in harmonischer Eintracht gegenseitig die Arme blau zu kloppen, Gelenke zu malträtieren oder sich durch die Gegend pfeffern zu lassen? Genau das stand bei dem zweiten Seminar „Silat meets Kempo“ von Nikolas Sandrock und Marcus Brehm auf dem Programm. Die beiden tarnen derlei Tun unter dem Namen Silat Suffian Bela Diri. Und rund 25 Kampfsportler aus ganz Ostwestfalen ließen sich auf das festliche Ereignis in der Adventszeit ein. 

Die Überleitungen der realitätsnahen Kampfkunst hin zu Kempo und Karate waren wie das Öffnen gleich aller Türchen eines Weihnachtskalenders auf einmal. Und so ließen sich anschwellende Unterarme, vergossener Schweiß und ein paar Tröpfchen frischen Blutes leicht verschmerzen. Für mich als Anreger dieses Ereignisses war die weihnachtliche Botschaft: Kempo ist cool! Kempo ist hart! Und Kempo ist enorm facettenreich und muss sich vor keiner anderen Kampfkunst verstecken! Natürlich sind die Jungs und Mädels vom Silat und der Faustwerkstatt eine tolle Truppe, die lässig auch härteren Belastungen standhält, sich statt in kratzigen Gi lieber in Schlabberklamotten und T-Shirts wirft und nicht zuletzt häufig mittels großflächiger Tattoo’s klarmacht, dass sie ein wenig aus dem Rahmen fallen.15268022_1144439778975154_4681405794055512371_n

Doch mit Niki Sandrock habe ich den idealen Dozenten an der Angel, der auch dieses Mal vor den 25 Teilnehmern eine Lanze für „sein“ Kempo gebrochen hat. Der Silat-Lehrer mit den Lung Chuan Fa Kempo-Wurzeln machte deutlich, dass er seine Kempo-Ausbildung für die „härteste Kampfkunstzeit seines Lebens“ hält. Richtig unterrichtet und ausgeführt, gibt es hammerharte Abhärtungstrainings, derbe Konditionsdrills und extrem wirkungsvolle Techniken. Nichts gegen Krav Maga, Takewondo oder andere trendige Martial Arts. Doch Kempo mit seinen enormen Möglichkeiten muss sich vor keiner Alternative genieren. Es kommt auf die Lehrer, das Training und vor allem auf die Aktiven an.

 

 

Silat meets Kempo 2.0

Das und die Gemeinsamkeiten mit dem Silat standen bei der Neuauflage von „Silat meets Kempo 2.0“ auf dem Plan. Marcus ließ uns zunächst „etwas intensiver“ an seiner Auffassung von Bodenarbeit und „leichtem Aufwärmen“ teilhaben. Dabei sieht der Detmolder Jung doch eigentlich so nett aus! :-) Nachdem er die versammelte Bande aus Kempoka, Silat- und Bagua-Leuten einmal richtig aufgemischt hatte, war dann Niki dran.

Alter Falter, das Training mit dem Schlaks aus Asendorf ist einfach jedesmal nur geil (sorry!). Die Präzision seiner Bewegungen, das Verständnis von Techniken und ihren Hintergründen, das didaktische Gespür und die Methodik begeistern mich immer wieder. Die fünf Stunden, in denen uns Niki und Marcus durch die Mangel drehten, vergingen jedenfalls wie im Fluge. Was nicht zuletzt, das kann ich nicht müde werden zu betonen, auch an dem besonderen Spirit liegt, den die beiden und die Faustwerkstatt-Truppe im allgemeinen verbreiten. Hier ein paar super gute bewegte Bilder

Die Teilnehmer, vor allem die höher Graduierten im Kempo, bekamen von den beiden Experten jedenfalls reichlich Geschenke mit auf den Weg. Denn das Aufdröseln der Anwendungen in der eigenen Kampfkunst wird noch Monate und Jahre dauern. Struktur, Körperdrehung, Distanzgefühl – im Silat super deutlich, im Kempo aber genauso wichtig. Denn genau das macht das Wesen einer Kampfkunst aus. Anregungen von außen sind super. Doch wichtig ist das Reflektieren und Aufarbeiten des neu Gelernten. Immer nur den Stil wechseln ist wie das Lernen von Sprachen. Wer immer nur ein halbes Jahr in einer Sprache übt, kann überall sein Frühstück organisieren. Doch für eine richtige Unterhaltung reicht es nicht. Also ran an die Basics und sein Kempo verbessern …

Impressionen vom Seminar

 

Kinder-Kram

AngruessenSchwupps, da hat es mich wieder. Nachdem ich im ersten Halbjahr ein wenig mehr Silat als Kempo trainiert habe, bin ich jetzt wieder mit Volldampf beim Shaolin Kempo dabei.
Und zwar sowohl bei den Großen als auch bei den Zwergen. Zusammen mit meinen Trainingskollegen Andreas und Andreas habe ich das Kindertraining übernommen, und bis Ende des Jahres auch zeitlich die Hälfte des Erwachsenentrainings.

Was sich ändert

Der Wechsel in der Kindergruppe wurde dringend nötig. Das pure und sture Abfragen von Prüfungsprogrammen, kombiniert mit einem nicht zu erkennenden Plan, wozu das Ganze eigentlich dient, garniert mit einem wenig kindgerechten Hierarchie-Ansatz – das konnte nicht klappen. Übrigens auch nicht bei Erwachsenen. Selbst mein eigener Zwerg war kurz davor, sich lieber ein anderes Hobby zu suchen. Ein halbes Jahr nicht eine neue Technik, keine neuen Impulse – das war verschwendete Zeit. Zuletzt war die Gruppe bis auf ein sehr kleines Häufchen zusammengeschrumpft.
Wer kritisiert, sollte auch selber Verantwortung übernehmen. Also habe ich nicht lange gezögert, als die Frage aufkam, ob ich nicht das Training des Nachwuchses vom Lung Chuan Fa übernehmen wolle.  In den Sommerferien haben sich meine beiden Andreas’se und ich zusammengesetzt und überlegt, was und wie die Kinder eigentlich lernen sollen. Klar: neue Techniken. Und der Spaß sollte wiederkommen.
Uns ist es wichtig, dass wir im Training zwar eine feste Anleitung geben, aber die Kinder auch darüber hinaus ganz allgemein den Sinn von Kampfsport vermittelt bekommen. Und der allererste Sinn ist: Ich werde nicht gehauen. Also üben wir in jeder der knapp bemessenen Stunde jetzt Fallübungen, Rangelspiele und damit Körperkontakt und Ausweichübungen. Angenehmer Nebeneffekt: Außer Dehnübungen und ein paar leichten Krafteinheiten, die extra einfließen, werden die Nachwuchs-Kempoka so auch bestens warm gemacht. Diesen Part übernimmt Andreas Harder, der zwar im Kempo selber noch nicht sehr fortgeschritten ist, aber im Sambo ein echter Meister. Und Sportlehrer, schon in Moskau. Und heute Physiotherapeut. Und selber Papa eines Sohnes, der Kempo betreibt. Besser geht kaum, oder?

Doppelter Andreas

Der zweite Andreas, nämlich der Ross, übernimmt die spielerische Komponente. Andreas ist nicht nur glühender Kempoka und selber extrem ehrgeizig, sondern auch noch sehr wissbegierig und lernwillig. Begeistert hat er sich auf die Aufgabe gestürzt, sich immer neue Spiele auszudenken, zu recherchieren oder abzuwandeln, die im Kindertraining für Auflockerung sorgen, aber trotzdem weiter an der Koordination und der Kraft für den Kampfsport arbeiten. Andreas ist nicht nur selber Sportler, sondern ebenfalls Papa, allerdings gleich von zwei Sprösslingen, die in unserer Kindergruppe aktiv sind. Gemeinsam sind wir also drei Kempoka und drei Väter, deren Kinder allesamt ebenfalls in der Gruppe trainieren. Gibt’s auch nicht so oft … :-)
Und da wir alle drei berufstätig sind, ergänzen wir uns auch dann, wenn mal einer oder zwei von uns nicht können. Die generellen Pläne, was wann und warum trainiert wird, erstelle ich in Absprache. Die beiden Andreas unterstützen, leiten und gestalten aber kräftig mit. So ergänzen wir uns als Trio perfekt. Und siehe da: Die Kindergruppe stabilisiert sich auch in Sachen Teilnehmer wieder. Die Kids zeigen sich lernwillig und leistungsbereit und haben schon enorme Fortschritte gemacht.

Spaß und Ernst

Bemerkenswert und faszinierend für uns alle drei ist die Bereitschaft der Kinder, sich Neuem zu stellen. Und die Tapferkeit, mit der einige sich auch durch manchmal unerfreuliche Erfahrungen durchbeißen. Fallschule ist solch eine echte Herausforderung. Mittlerweile können die kleinen Wirbelwinde fast alle locker vorwärts, rückwärts und seitwärts fallen. Jetzt sind die ersten Würfe dran. Stehen zwar längst noch nicht im Prüfungsprogramm, führen aber die Fallschule perfekt fort. Warum soll man Fallen lernen, wenn man nicht fällt?
Auch die Standfestigkeit hat sich deutlich verbessert. Was nützen mir Stände und Tritte, wenn ich bei deren Ausübung schwanke, bei den Drehungen stolpere und bei Treffern umfalle? Mit einigen neuen Inhalten versuchen wir, die Wackler in den Griff zu bekommen. Mittlerweile sitzen diese Basics und lassen ein vernünftiges Tritt-Training erst möglich werden.
Die nächsten Monate widmen wir uns jetzt den Partnerübungen. Feste Partner gibt es nicht mehr, jeder trainiert jetzt mit jedem. Gerade für die „Schwächeren“ ist es wichtig, mit wechselnden Partnern zu üben, um sich mit den „Starken“ messen und sich verbessern zu können.  Kata streuen wir in jedem Training ein, allerdings eher, damit die Abläufe sitzen. Die korrekte Technik erarbeiten wir uns gemeinsam ganz automatisch durch die Grundschule. Eine eigene Kata-Trainings-Einheit mit Rhythmik, Tempowechsel und Betonung folgt in den nächsten Wochen.
Was aber am allerwichtigsten ist: Es wird gelacht, gekreischt und gequietscht. Die Augen leuchten, auch wenn es anstrengend wird. Der Spaß ist zu spüren, und der Stolz auf das Erreichte. Und das ist der beste Lohn, den wir für unseren Einsatz bekommen können …

Kempo in der Karate-Falle?

Kempo in der Karate-Falle? Was ist eigentlich Kempo? Genauer: Shaolin Kempo. Diese Frage wird für mich immer spannender. Je mehr ich dem Ursprung unserer Kampfkunst versuche, näher zu kommen, desto indonesischer wird mir…

Das hat ganz wesentlich mit meiner nun einige Monate währenden „Neben-Beschäftigung“, nämlich dem Silat zu tun. Und meinem dortigen Lehrer Niki Sandrock. Wie schon erwähnt ist der nämlich nicht nur ein exzellenter Silat-Wissensvermittler, sondern hat auch profunde Erfahrungen in philippinischen Stockkampf-Stilen und vor allem ebenfalls im Shaolin Kempo, und zwar genau in meinem Stil, dem Lung Chuan Fa Kempo. Und wie wir beide ganz schnell festgestellt haben, bewegen uns ganz ähnliche Fragen. Einziger Unterschied: Niki ist mir in diesen Dingen ungefähr zehn Jahre an Zeit und Lichtjahre an technischem Können voraus. Silat_Kempo02

Kempo ist japanisch?

Allgemein wird angenommen, dass die Wurzeln des Kempo „irgendwie“ aus China über Okinawa zu uns gelangt sind. Die japanischen Bezeichnungen der Techniken, die Etikette und auch der Name deuten ja stark darauf hin.
Bekannt ist auch, dass unser „Shaolin Kempo“ eine Mixtur ist, die auf zwei Personen fußt, nämlich Meijers und Faulhaber. Beide aus Holland, lange schon zerstritten, ziemlich unterschiedlich in der Ausführung von Techniken.

Ich selber hampele jetzt schon ein paar Jährchen im Kempo herum. Um meine bescheidenen Fähigkeiten zu verbessern und mehr über die Wurzeln des Kempo herauszufinden, habe ich mich unter anderem mit dem Okinawa Kobudo befasst und auch einen Einblick in das Shorin Ryu Karate bekommen dürfen. Alles absolut tolle Systeme, vor allem die vibrierende Hüfte als Bewegungsprinzip schwer beeindruckend.

Passt aber leider irgendwie nicht so richtig ins Kempo. Unsere Bo-Formen etwa sind komplett anders und nahezu unvereinbar mit dem klassischen Okinawa-Kobudo.
Und dazu kommen unsere Stil-eigenen Kata. Die heißen eben nicht Pinan oder Heian oder Naihanchi, sondern allesamt Saifa oder Sifat. Und sind auch methodisch komplett anders aufgebaut.Silat_Kempo05

Kempo ist chinesisch?

Seit einiger Zeit übe ich mich mittlerweile zusätzlich im Silat. Und irgendwie „fühlt“ sich das deutlich runder an, wenn ich an Kempo denke. Doch auch hier gibt es deutliche Widersprüche. Wenn etwa Silat-Leute Tai Sabaki machen (Gellek), dann stehen sie im Gleichgewicht mit einer Gewichtsverteilung von 50:50 auf beiden Beinen. Mein „Kempo-Gefühl“ bringt mich momentan immer wieder in eine Kokutsu-Ausweichbewegung mit Gewicht auf dem hinteren Bein. Hört sich trivial an, steht aber sämtlichen Folgetechniken ziemlich im Weg und ist daher schlicht falsch. Und das ist nur ein Beispiel.

Na und, mag man jetzt denken. Selbst schuld, was turnst Du auch in anderen Stilen rum, die machen es eben anders.

Doch wenn ich mir die Herkunft der beiden „Ahnen“ des Shaolin Kempo anschaue, dann sind das Indonesier/Malayen. Eben Soldaten der holländischen Besatzungstruppen in ihren alten Kolonien. Die haben zwar, als sie nach Holland umsiedelten, als Geschäftsidee ihre Kampfkunst für Fremde ein wenig geöffnet und zu unterrichten angefangen. Und um besser kompatibel und erfolgreich zu sein, dann zu japanischen Namen gegriffen. Der erste, der unser Kempo in Europa lehrte, war der Indonesier Carel Faulhaber, der 1. Sergeant bei den Streitkräften der niederländischen Besatzungsarmee war. Er brachte seinen Familienstil „Kuntao Matjan“ mit, als er und seine Angehörigen die ehemaligen Kolonien verließen und sich in Holland ansiedelten. Kuntao Matjan wird beschrieben als ein Mix aus chinesischen Kung Fu-Stilen und dem Silat Südostasiens. Faulhaber begann, seine Kampfkunst auch außerhalb der Familie zu unterrichten.

Wenn ich jetzt weiß, dass in Südostasien die Tradition der Familien-Stile und -geheimnisse noch immer einen hohen Stellenwert haben, dann frage ich mich: Ist diese ganze angebliche Legende über Kempo aus Shaolin China und Okinawa vielleicht ziemlicher Quatsch? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass „unser“ Kempo auf eben diesen indonesischen/südostasiatischen Kampfstilen beruht? Und dass unsere Orientierung hin zum Karate und evtl. sogar zum KungFu (Chuan Fa) in eine komplett falsche Richtung geht?Hakei 12

Kempo ist indonesisch!

Die südostasiatischen Kulturen von den Philippinen über Malaien bis zu Indonesiern haben ebenfalls beachtliche zivilisatorische Stufen lange vor den Europäern errungen, wenn auch nicht so dominant wie die Chinesen. Die hatten es gar nicht nötig, sich von Chinesen zeigen zu lassen, wie man sich gegenseitig die Köpfe einschlägt.

Warum mich das bewegt? Weil ich merke, dass unsere Saifas und unser ganzer Stil irgendwie nicht so richtig harmonieren mit dem japanischen Mainstream der letzten 100 Jahre.
Und wenn ich ganz allgemein Kata als grundlegende Basis einer Kampfkunst auffasse (und das tue ich), dann bin ich eben auf dem Holzweg, wenn ich versuche, die japanischen Stände und Bewegungen zu perfektionieren. Die ganze „Ein-Schlag-und-tot“-Nummer klappt beim Shaolin Kempo nicht richtig.

Dann müsste ich folgerichtig versuchen, eher mehr Silat-Elemente zu entdecken. Und ich müsste mich schlauer machen, was es mit Faulhaber und seinem Familienstil Kuntao Macan auf sich hat. Mal schauen, was es in den Niederlanden noch für Kempoka gibt, die vielleicht einen ursprünglicheren Zugang zu den Quellen des Kempo haben. Gerald Meijers und Carel Faulhaber trennten sich jedenfalls 1965 wieder. Meijers entwickelte seine Fähigkeiten weiter in Richtung japanischer Karatestile, vor allem dem Kyukushinkai. Faulhabers drei Söhne gingen eine Zeitlang weiter in den Unterricht des talentierten Kampfkünstlers. Noch heute gibt es Schulen, die ihre Wurzeln bei diesen Personen sehen.

Kampfkunst ist nie zu Ende. Je mehr man weiß, desto weniger weiß man. Je mehr man lernt, desto mehr gibt es zu lernen. Je mehr man kann, desto klarer wird einem, dass man ziemlich wenig kann …

Genial! 

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Teilnehmer des 1. Kempo meets Silat-Seminars

 

Die ewige Kata

Je länger ich mich der Kampfkunst verschreibe, desto länger beschäftigt mich die Kata. Und zwar mittlerweile im durchaus positiven Sinne. Was übrigens die meisten Betrachter, die nix mit Kampfkunst am Hut haben, ziemlich ratlos dreinschauen lässt. Denn der imaginäre Kampf gegen einen oder mehrere Gegner sieht für Außenstehende manchmal wohl doch arg nach Ballett im Schlafanzug mit lautem Gebrüll aus. Ich habe solch lästerliche Stimmen im eigenen Haus … :-)

Nix mit Kata
Die ersten zehn Jahre meiner Kampfsport-Karriere habe ich mit Kata gar nichts im Sinn gehabt. Das klassische Sport-Judo meiner Zeit kannte den Begriff gar nicht. Oder ich war nicht in die höheren Sphären vorgedrungen. Techniken, Fallübungen, Kämpfen in Boden und Stand – das reichte doch … Bis ich dann selber mit dem Kung Fu anfing. Und von Beginn an fasziniert war von den Bewegungen der höheren Schüler und Meister. Wow, das wollte ich auch lernen! Tatsächlich sind die chinesisch inspirierten Formen des Wun Hop Kuen Do ein echtes Brett, mit vielen Handspielen, tiefen Ständen und reichlich Akrobatik. Da ich nur wenige Jahre dabei war, kam ich über das reine Lernen der Formen aber nicht hinaus.

Kata kämpfen
Das erste Mal, dass ich tatsächlich eine Ahnung davon bekommen habe, was Kata wirklich sein können -also auch für mich -war beim Taekwondo. Das lag einfach daran, dass ich dort intensiver trainiert habe, dank der Vorschule von Judo und Kung Fu auch schon viele Bewegungen drauf hatte, und ein paar Jahre länger dabei war. Eine echte Inspiration war natürlich mein Trainer, Oktay Cakir. Wie sich dieser Taekwondo-Meister bewegen konnte, erinnerte immer an eine gespannte Stahlfeder. Und hier habe ich zum ersten Mal erlebt, dass man eine Kata, im Taekwondo Hyong genannt, auch tatsächlich kämpfen kann. Die Abfolge der Bewegungen ergab auf einmal Sinn und war nicht „nur“ ein Auswendiglernen von Technik nach Technik.

Nach dem reinen Lernen folgte also das Gefühl dafür, dass man eine Kata, wenn man sie wirklich „auswendig gelernt“ hat, auch mit Energie laufen kann. Mit ein wenig Konzentration gelang es mir tatsächlich, gegen virtuelle Gegner auch zu kämpfen. Schläge und Tritte kamen auf einmal wirklich hart an, die Abwehrbewegungen waren so energisch, dass ich tatsächlich auch hätte abwehren können, wenn es einen echten Angriff gegeben hätte. Aber das war Tagesform-abhängig. Mal klappte es, mal reichte die Konzentration nicht. Und vor allem harmonierte diese sehr harte Ausführung der Kata nicht so richtig mit dem fließenden Element, welches jede gute Form auszeichnen sollte.

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So richtig begriffen habe ich die Herausforderung durch Kata dann beim Kempo. Mit wieder neuen Kata. Die erst einmal gelernt werden mussten (und müssen!). Und da ich mittlerweile die zarten Teenie-Jahre lange hinter mir habe, fällt mir das Lernen der Bewegungsfolgen auch deutlich schwerer als früher. Was aber gar nicht von Nachteil sein muss, denn dadurch übe ich sie einfach langsamer und, wie ich hoffe, intensiver.
Mittlerweile variiere ich permanent beim Üben. Mal ganz langsam, mal schnell. Dann mit übertrieben tiefen Ständen, dann wieder jede Bewegung gleich fünfmal hintereinander ausführend. Durch das Unterrichten von Kata werde ich mit Fragen konfrontiert, die ich nicht immer gleich beantworten kann. Dann suche ich nach Möglichkeiten, Bewegungen zu rechtfertigen. Oder ich frage mich selber: Warum muss etwa der Zenkutsu Dachi schulterbreit ausgeführt werden, der Kokutsu Dachi aber mit den Füßen auf einer Linie? Ist es nicht sinnvoller, in einer eher der Verteidigung dienenden Stellung etwas breiter zu stehen, um auch seitlichen Angriffen ohne Schwanken widerstehen zu können? Nur ein Beispiel von vielen …

Kata falsch
Durch das Bunkai, also die Suche nach der Anwendung hinter den Bewegungen, eröffnet sich eine ganz neue Möglichkeit, Kata zu erfahren und zu interpretieren. Im Austausch mit anderen Kempoka werden zuvor gelernte Bewegungen auf einmal sinnvoll. Oder eben erst recht hinterfragt. Shaolin Kempo basiert zwar auf alten Stilen, ist jedoch eine recht neue Interpretation mit Elementen aus etlichen Kampfkünsten. Ich finde es total spannend, immer weiter zu den Ursprüngen der Kata vorzudringen. Und das nicht nur durch Studium möglichst originaler Quellen, sondern eben auch ganz handfest durch das mögliche Verstehen von Techniken und Bewegungen. Denn häufig ist eine Technik, die ich HEUTE nicht verstehe oder anstrengend finde, auch falsch oder unsinnig. Oft versteckt sich hinter einer merkwürdig anmutenden oder verflixt anstrengenden Bewegung ein ganz neuer Ansatz, etwa um sich gegen Waffen zu verteidigen oder selber einen Wurf auszuführen. Bevor ich also für mich selber darüber urteile, ob etwas falsch überliefert wurde und ich die Bewegung ändere, übe ich lieber weiter „traditionell“ und frage mich und andere, ob meine Interpretation vielleicht fehlerhaft ist.

Durch die Beschäftigung mit dem Silat und anderen Kampfkünsten öffnen sich vielfach wieder ganz neue Horizonte. Denn durch die verschiedenen Angriffs- und Verteidigungswinkel, die etwa im Silat stecken, gewinnen Kempo-Techniken auf einmal neuen Sinn. Die vibrierende Hüftarbeit des Okinawa Kobudo macht viele Techniken genial effektiv. Oder die klassische Dreiecksbewegung im Kung Fu, die einer Kata ganz neues Leben einhauchen kann.

Zu kurze Kata
In den letzten Jahren habe ich manchmal etwas neidisch zu anderen Kampfkünsten geschielt. Da gibt es ewig lange Kata, mit dutzenden oder gar hunderten von Abläufen, alle hintereinander und teils spektakulär. Dagegen nehmen sich unsere relativ kurzen Kata ziemlich bescheiden aus. Dann las ich über Okinawa-Karate-Stile, in denen es nur ein oder zwei Kata gäbe. Ist das nicht langweilig? Doch mittlerweile empfinde ich die scheinbare Kürze unserer Kata als deutlichen Vorteil. Wenn in jeder einzelnen Bewegung doch so viel Information und Interpretation steckt, wie soll ich dann einer Kata wirklich Leben einhauchen, die drei- oder viermal so lang ist? Gerade im chinesischen Kung-Fu gibt es Kata (Kuen), die minutenlang dauern. Hunderte Bewegungen aneinander gereiht. Sportlich eine echte Herausforderung, Aber wenn eine Bewegung erst nach rund 8.000 bis 12.000 Wiederholungen wirklich im Unterbewusstsein abgespeichert ist, muss jedenfalls ich noch reichlich üben, bis unsere „kurzen“ Kata wirklich sitzen.


So klappt das
Folgende Art des Lernens hat sich bei mir mittlerweile eingebürgert:
– erstes Auswendiglernen der Bewegungen (dauert bisweilen ganz schön lange!)
– Üben in verschiedenen Tempi und unterschiedlich hohen Ständen
– Kämpfen der Kata, immer im Wechsel von hart und schnell bis zu ganz weichen Ausführungen
– Erarbeiten der Bunkai mit und ohne Partner, mit Trainer oder durch Beobachten (auch in Literatur/YouTube)
– permanente Korrektur in der Ausführung, wieder neues Lernen, wieder verschiedene Tempi, Höhen, Härten

Aktuell
Wir üben in unserem Lung Chuan Fa fünf Tai Tsuku, fünf Saifa und (momentan) drei Meisterformen, wobei es auch hier sicher noch mehr gibt. Dazu kommen diverse „importierte“ Waffenformen. Meine momentanen „Lieblinge“ sind die ersten zwei Tai Tsuku. Warum? Ganz einfach: Die habe ich viel häufiger absolviert als die höheren Kata. Und daher bin ich im Empfinden, dem Spüren der Kata, hier einfach weiter.
In mein „Bewegung-Gedächtnis“ versuche ich, die fünfte Tai Tsuku zu bimsen, die ziemlich komplex ist.
Ganz aktuell hat mir mein Trainings-Kollege Fabian einen neuen Impuls in der dritten Tai Tsuku gegeben. Statt zwei Angreifern seitlich nur einer von vorne… Das will geübt werden!
Und da beim Trainieren einer Kata gleich auch noch Ausdauer, Kraft, Gelenkigkeit und Geschmeidigkeit mit geübt werden und man das allein oder mit Partnern und zu Hause genauso wie im Dojo machen kann, ist für mich Kata momentan tatsächlich die optimale Trainingsform im Kempo. Eben ein ewiges Thema …