Kempo ist cool

Kempo ist cool! Kempo ist cool? Echt? Welcher Kampfsport ist eigentlich effektiver, wirkungsvoller oder einfach trendy? Kaum haben Schüler einen gewissen Wissensstand, wird geschlaubergert, nicht zuletzt dank YouTube und Co.. Was nicht selten dazu führt, dass der eigene Stil uncool wird und die jungen oder junggebliebenen Hoffnungsträger abwandern, momentan gerne hin zu Krav Maga, Thaiboxen oder MMA.

Passiert bei uns, im Kempo, genauso. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, denn der Blick über den Horizont ist wichtig. Erfahrungen in anderen Kampfkünsten verbessern die eigenen Fähigkeiten. Auch mir kommen Vorkenntnisse in Taekwondo, Judo oder Kung Fu heute noch sehr gelegen, um Bewegungsabläufe zu verstehen. Aber: anfassen ja, abwandern nein!

Großer Unterschied: Meine Lebenssituationen ließen ein längeres Training in den Vorläufern meiner Kempo-Karriere nicht zu. Ich bin also gar nicht dazu gekommen, die Feinheiten von Wun Hop Kuen Do, Taekwondo und Co. wirklich kennenzulernen. Nur beim Kempo habe ich für mich die persönliche Beständigkeit  und den idealen Mix gefunden, um auch ein wenig weiterzugehen, als nur an der sportlichen Oberfläche zu kratzen und die Beinchen noch ein wenig höher zu schwingen oder noch ein wenig schneller die Backfist pointzufighten.15325271_1147209925364806_5339650939964722931_o

 

 

 

 

Advent Advent, ein Fäustlein brennt …

Was gibt es schöneres in der Vorweihnachtszeit, als sich in trauter Runde zu treffen und sich in harmonischer Eintracht gegenseitig die Arme blau zu kloppen, Gelenke zu malträtieren oder sich durch die Gegend pfeffern zu lassen? Genau das stand bei dem zweiten Seminar „Silat meets Kempo“ von Nikolas Sandrock und Marcus Brehm auf dem Programm. Die beiden tarnen derlei Tun unter dem Namen Silat Suffian Bela Diri. Und rund 25 Kampfsportler aus ganz Ostwestfalen ließen sich auf das festliche Ereignis in der Adventszeit ein. 

Die Überleitungen der realitätsnahen Kampfkunst hin zu Kempo und Karate waren wie das Öffnen gleich aller Türchen eines Weihnachtskalenders auf einmal. Und so ließen sich anschwellende Unterarme, vergossener Schweiß und ein paar Tröpfchen frischen Blutes leicht verschmerzen. Für mich als Anreger dieses Ereignisses war die weihnachtliche Botschaft: Kempo ist cool! Kempo ist hart! Und Kempo ist enorm facettenreich und muss sich vor keiner anderen Kampfkunst verstecken! Natürlich sind die Jungs und Mädels vom Silat und der Faustwerkstatt eine tolle Truppe, die lässig auch härteren Belastungen standhält, sich statt in kratzigen Gi lieber in Schlabberklamotten und T-Shirts wirft und nicht zuletzt häufig mittels großflächiger Tattoo’s klarmacht, dass sie ein wenig aus dem Rahmen fallen.15268022_1144439778975154_4681405794055512371_n

Doch mit Niki Sandrock habe ich den idealen Dozenten an der Angel, der auch dieses Mal vor den 25 Teilnehmern eine Lanze für „sein“ Kempo gebrochen hat. Der Silat-Lehrer mit den Lung Chuan Fa Kempo-Wurzeln machte deutlich, dass er seine Kempo-Ausbildung für die „härteste Kampfkunstzeit seines Lebens“ hält. Richtig unterrichtet und ausgeführt, gibt es hammerharte Abhärtungstrainings, derbe Konditionsdrills und extrem wirkungsvolle Techniken. Nichts gegen Krav Maga, Takewondo oder andere trendige Martial Arts. Doch Kempo mit seinen enormen Möglichkeiten muss sich vor keiner Alternative genieren. Es kommt auf die Lehrer, das Training und vor allem auf die Aktiven an.

 

 

Silat meets Kempo 2.0

Das und die Gemeinsamkeiten mit dem Silat standen bei der Neuauflage von „Silat meets Kempo 2.0“ auf dem Plan. Marcus ließ uns zunächst „etwas intensiver“ an seiner Auffassung von Bodenarbeit und „leichtem Aufwärmen“ teilhaben. Dabei sieht der Detmolder Jung doch eigentlich so nett aus! :-) Nachdem er die versammelte Bande aus Kempoka, Silat- und Bagua-Leuten einmal richtig aufgemischt hatte, war dann Niki dran.

Alter Falter, das Training mit dem Schlaks aus Asendorf ist einfach jedesmal nur geil (sorry!). Die Präzision seiner Bewegungen, das Verständnis von Techniken und ihren Hintergründen, das didaktische Gespür und die Methodik begeistern mich immer wieder. Die fünf Stunden, in denen uns Niki und Marcus durch die Mangel drehten, vergingen jedenfalls wie im Fluge. Was nicht zuletzt, das kann ich nicht müde werden zu betonen, auch an dem besonderen Spirit liegt, den die beiden und die Faustwerkstatt-Truppe im allgemeinen verbreiten. Hier ein paar super gute bewegte Bilder

Die Teilnehmer, vor allem die höher Graduierten im Kempo, bekamen von den beiden Experten jedenfalls reichlich Geschenke mit auf den Weg. Denn das Aufdröseln der Anwendungen in der eigenen Kampfkunst wird noch Monate und Jahre dauern. Struktur, Körperdrehung, Distanzgefühl – im Silat super deutlich, im Kempo aber genauso wichtig. Denn genau das macht das Wesen einer Kampfkunst aus. Anregungen von außen sind super. Doch wichtig ist das Reflektieren und Aufarbeiten des neu Gelernten. Immer nur den Stil wechseln ist wie das Lernen von Sprachen. Wer immer nur ein halbes Jahr in einer Sprache übt, kann überall sein Frühstück organisieren. Doch für eine richtige Unterhaltung reicht es nicht. Also ran an die Basics und sein Kempo verbessern …

Impressionen vom Seminar

 

Knochen knacken in Holland

Knochen knacken in Holland – okay, das war nicht der offizielle Titel. Aber die Voraussetzungen stimmten. Mit Niki und Marcus, Alex und Patrick ging es am ersten Oktober-Wochenende nach Amsterdam. Genauer nach Hoofddorp. Zum Silat-Seminar mit Meister Mornie. Das versprach spannend zu werden, denn Maul Mornie besitzt mittlerweile weltweiten Kultstatus.

Doch Amsterdam besteht nicht nur aus Grachten und Fahrrädern, sondern auch aus Stau, Baustellen und Umleitungen durch ziemlich uniforme Vororte. Und so kamen wir dezent zwei Stunden zu spät zum samstäglichen ersten Trainings-Tag. Veranstaltet wurde das Seminar von der hollandischen SSBD-Gruppe. Angereist waren Teilnehmer aus ganz Europa. Und das Dojo (Gym Satria Muda) ist offensichtlich auch ein klassisches Silat-Dojo mit vielen Gesichtern, denen man ihre Wurzeln in Südostasien ansieht. Auf jeden Fall war es rappelvoll und wir nach wenigen Minuten mittendrin im Geschehen.

Der erste Tag – zu schnell

Ich hatte zuvor meinen Lehrer Niki befragt, ob mein Wissensstand für ein Seminar bei Maul Mornie ausreichen würde. Keine Ahnung, warum er das bestätigte. Wir waren jedenfalls im Kaltstart sofort voll drin im Geschehen. Und die ersten Einheiten fühlte ich mich leicht überfordert, denn Maul verlangte den permanenten Partnerwechsel, um Basis-Drills zu trainieren. Und das ist, wenn man selber noch unsicher ist in Sachen Ablauf, ziemlich herausfordernd. Viele Teilnehmer besaßen nämlich ebenfalls offensichtlich wenig Silat-Vorkenntnisse. Und wenn dann zwei solcher Bewegungs-Legastheniker aufeinandertreffen, gibt es ein wildes Kuddelmuddel in Sachen Arm und Bein. Dabei will man doch gut aussehen, wenn der Meister guckt! Was sich allerdings auszahlte, war das körper- und kontaktbetonte Training von Niki. Da macht es nix, wenn Unterarme aufeinanderkrachen. Jedenfalls mir nicht :-). Die Gegenüber guckten manchmal doch ein wenig … überrascht.

Maul arbeitete einige Drills aus und ließ uns diese in zahlreichen Variationen üben. Dieses Vermitteln von verschiedenen Möglichkeiten, um einem Angriff zu begegnen, ist typisch für Silat. An sich perfekt, doch aufgrund der vielen Teilnehmer und des stark unterschiedlichen Wissensstands ging es mir vielfach viel zu schnell. Kaum hatte ich einen Ablauf halbwegs begriffen, kam schon die nächste Variante. Und der nächste Partner.

Magic Maul Mornie live

Natürlich war es ein Genuss, Maul Mornie in Aktion zu erleben. Traumhaft, mit welcher Sicherheit dieser Silat-Meister sich bewegt, sich immer ideal zu seinem Gegenüber positioniert und auf jede Situation eine Antwort hat. Die Fußarbeit perfekt, die Struktur bombenfest und die Techniken blitzschnell und extrem effektiv. Dazu die ganz besondere Art, mit der Maul sein Publikum (oder seine Anhänger) fesselt: zurückhaltend, respektvoll, mit Humor und ohne große Worte. Genau dieser Gegensatz von absolutem Können, tödlichen Techniken und zugleich respektvollem und zurückhaltendem Umgang macht Maul Mornie so faszinierend. Der lächelt noch charmant, wenn er einem den Kopf abgedreht hat und das Blut spritzt. Da fühlt man sich doch gleich gut aufgehoben! Video vom Seminar in Holland

Soweit kam es nicht. alle blieben (fast) heile. Und ich bekam so langsam eine Ahnung von der SSBD-Familie. Denn obwohl ich die Techniken gern austrainiert hätte, um sie in meinen begriffsstutzigen Schädel zu bekommen, hatten die permanenten Wechsel auch etwas Gutes. Man kommt so mit fast allen in Kontakt. Und die Menschen, die sich der Kampfkunst auf diesem Niveau verschreiben, sind schon etwas wirklich Besonderes. Spinner alle miteinander, sonst verhaut man sich nicht freiwillig gegenseitig so dermaßen. Doch gleichzeitig extrem offen und zugewandt, herzlich und respektvoll. Das, was mich in der Trainingsgruppe von Niki im fernen Kalletal schon so fasziniert, erlebte ich hier auf einem neuen Level, denn hier tickten alle so.

Training beendet, Übernachtungsmöglichkeit bei einem Silat-Freund gefunden und äthiopisches Fingerfood „genossen“: Unsere improvisierte Schlafstätte mitten in Amsterdam verzierte ich durch intensive Waldarbeit. Beim Blick in die geräderten Gesichter meiner Mitstreiter am nächsten Morgen war klar: Ich muss beim nächsten Mal ein Einzelzimmer beziehen.

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Der zweite Tag – am Ende

Am zweiten Seminar-Tag konnten wir die Drills, die unter dem Motto „Attacking Flow“ standen, paarweise mit mehr Zeit üben. Was meinem Lernverhalten deutlich entgegenkam. Und vor allem mit Alex und Patrick hatte ich zwei großartige Partner, denen die Geduld mit dem älteren und ein wenig schwerfälligen und langsamen Kollegen scheinbar kaum abging. Dazu wurden wir noch vom „großen Alex“ und Marina verstärkt, die am Abend zuvor noch nachgekommen waren. Doch am Ende der sieben Stunden, nach unzähligen Würfen und Bodenkontakten, hatte ich das Gefühl, nicht ein einziges Mal mehr aufstehen zu können. Nur Niki und Marcus waren noch topfit und frisch und voll dabei. Doch beim Blick durch die Halle war ich beruhigt: Auch die meisten anderen Teilnehmer waren platt, nicht nur meine Kondition war am Ende.

Fazit: nicht so einfach zu ziehen. Natürlich ist es irre, Maul Mornie einmal nicht nur durch YouTube zu erleben, sondern live in Aktion zu sehen. Aber aus dem Alter von Fan-Gekreische und Autogramm-Jagden bin ich doch etwas raus. Wie bei den meisten Seminaren ging es mir vielfach zu schnell. Da trainiere ich lieber im Kalletal bei Niki und lerne die Techniken in kleiner Gruppe und dann in der Tiefe. Mein Können reicht (noch) nicht, um die Feinheiten, die Maul Mornie den Könnern bietet, wahrnehmen und würdigen zu können.
Doch ein ganz besonderer Genuss war es, sowohl mit „meinen“ Jungs einmal mehr Zeit als nur die wenigen Stunden des Trainings zu verbringen. Als auch, den Spirit der SSBD-Family aufsaugen zu dürfen. Und genau diese beiden Elemente werden es auch sein, die ich bei den nächsten Seminaren von und mit Maul Mornie genießen werde.

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Kempo in der Karate-Falle?

Kempo in der Karate-Falle? Was ist eigentlich Kempo? Genauer: Shaolin Kempo. Diese Frage wird für mich immer spannender. Je mehr ich dem Ursprung unserer Kampfkunst versuche, näher zu kommen, desto indonesischer wird mir…

Das hat ganz wesentlich mit meiner nun einige Monate währenden „Neben-Beschäftigung“, nämlich dem Silat zu tun. Und meinem dortigen Lehrer Niki Sandrock. Wie schon erwähnt ist der nämlich nicht nur ein exzellenter Silat-Wissensvermittler, sondern hat auch profunde Erfahrungen in philippinischen Stockkampf-Stilen und vor allem ebenfalls im Shaolin Kempo, und zwar genau in meinem Stil, dem Lung Chuan Fa Kempo. Und wie wir beide ganz schnell festgestellt haben, bewegen uns ganz ähnliche Fragen. Einziger Unterschied: Niki ist mir in diesen Dingen ungefähr zehn Jahre an Zeit und Lichtjahre an technischem Können voraus. Silat_Kempo02

Kempo ist japanisch?

Allgemein wird angenommen, dass die Wurzeln des Kempo „irgendwie“ aus China über Okinawa zu uns gelangt sind. Die japanischen Bezeichnungen der Techniken, die Etikette und auch der Name deuten ja stark darauf hin.
Bekannt ist auch, dass unser „Shaolin Kempo“ eine Mixtur ist, die auf zwei Personen fußt, nämlich Meijers und Faulhaber. Beide aus Holland, lange schon zerstritten, ziemlich unterschiedlich in der Ausführung von Techniken.

Ich selber hampele jetzt schon ein paar Jährchen im Kempo herum. Um meine bescheidenen Fähigkeiten zu verbessern und mehr über die Wurzeln des Kempo herauszufinden, habe ich mich unter anderem mit dem Okinawa Kobudo befasst und auch einen Einblick in das Shorin Ryu Karate bekommen dürfen. Alles absolut tolle Systeme, vor allem die vibrierende Hüfte als Bewegungsprinzip schwer beeindruckend.

Passt aber leider irgendwie nicht so richtig ins Kempo. Unsere Bo-Formen etwa sind komplett anders und nahezu unvereinbar mit dem klassischen Okinawa-Kobudo.
Und dazu kommen unsere Stil-eigenen Kata. Die heißen eben nicht Pinan oder Heian oder Naihanchi, sondern allesamt Saifa oder Sifat. Und sind auch methodisch komplett anders aufgebaut.Silat_Kempo05

Kempo ist chinesisch?

Seit einiger Zeit übe ich mich mittlerweile zusätzlich im Silat. Und irgendwie „fühlt“ sich das deutlich runder an, wenn ich an Kempo denke. Doch auch hier gibt es deutliche Widersprüche. Wenn etwa Silat-Leute Tai Sabaki machen (Gellek), dann stehen sie im Gleichgewicht mit einer Gewichtsverteilung von 50:50 auf beiden Beinen. Mein „Kempo-Gefühl“ bringt mich momentan immer wieder in eine Kokutsu-Ausweichbewegung mit Gewicht auf dem hinteren Bein. Hört sich trivial an, steht aber sämtlichen Folgetechniken ziemlich im Weg und ist daher schlicht falsch. Und das ist nur ein Beispiel.

Na und, mag man jetzt denken. Selbst schuld, was turnst Du auch in anderen Stilen rum, die machen es eben anders.

Doch wenn ich mir die Herkunft der beiden „Ahnen“ des Shaolin Kempo anschaue, dann sind das Indonesier/Malayen. Eben Soldaten der holländischen Besatzungstruppen in ihren alten Kolonien. Die haben zwar, als sie nach Holland umsiedelten, als Geschäftsidee ihre Kampfkunst für Fremde ein wenig geöffnet und zu unterrichten angefangen. Und um besser kompatibel und erfolgreich zu sein, dann zu japanischen Namen gegriffen. Der erste, der unser Kempo in Europa lehrte, war der Indonesier Carel Faulhaber, der 1. Sergeant bei den Streitkräften der niederländischen Besatzungsarmee war. Er brachte seinen Familienstil „Kuntao Matjan“ mit, als er und seine Angehörigen die ehemaligen Kolonien verließen und sich in Holland ansiedelten. Kuntao Matjan wird beschrieben als ein Mix aus chinesischen Kung Fu-Stilen und dem Silat Südostasiens. Faulhaber begann, seine Kampfkunst auch außerhalb der Familie zu unterrichten.

Wenn ich jetzt weiß, dass in Südostasien die Tradition der Familien-Stile und -geheimnisse noch immer einen hohen Stellenwert haben, dann frage ich mich: Ist diese ganze angebliche Legende über Kempo aus Shaolin China und Okinawa vielleicht ziemlicher Quatsch? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass „unser“ Kempo auf eben diesen indonesischen/südostasiatischen Kampfstilen beruht? Und dass unsere Orientierung hin zum Karate und evtl. sogar zum KungFu (Chuan Fa) in eine komplett falsche Richtung geht?Hakei 12

Kempo ist indonesisch!

Die südostasiatischen Kulturen von den Philippinen über Malaien bis zu Indonesiern haben ebenfalls beachtliche zivilisatorische Stufen lange vor den Europäern errungen, wenn auch nicht so dominant wie die Chinesen. Die hatten es gar nicht nötig, sich von Chinesen zeigen zu lassen, wie man sich gegenseitig die Köpfe einschlägt.

Warum mich das bewegt? Weil ich merke, dass unsere Saifas und unser ganzer Stil irgendwie nicht so richtig harmonieren mit dem japanischen Mainstream der letzten 100 Jahre.
Und wenn ich ganz allgemein Kata als grundlegende Basis einer Kampfkunst auffasse (und das tue ich), dann bin ich eben auf dem Holzweg, wenn ich versuche, die japanischen Stände und Bewegungen zu perfektionieren. Die ganze „Ein-Schlag-und-tot“-Nummer klappt beim Shaolin Kempo nicht richtig.

Dann müsste ich folgerichtig versuchen, eher mehr Silat-Elemente zu entdecken. Und ich müsste mich schlauer machen, was es mit Faulhaber und seinem Familienstil Kuntao Macan auf sich hat. Mal schauen, was es in den Niederlanden noch für Kempoka gibt, die vielleicht einen ursprünglicheren Zugang zu den Quellen des Kempo haben. Gerald Meijers und Carel Faulhaber trennten sich jedenfalls 1965 wieder. Meijers entwickelte seine Fähigkeiten weiter in Richtung japanischer Karatestile, vor allem dem Kyukushinkai. Faulhabers drei Söhne gingen eine Zeitlang weiter in den Unterricht des talentierten Kampfkünstlers. Noch heute gibt es Schulen, die ihre Wurzeln bei diesen Personen sehen.

Kampfkunst ist nie zu Ende. Je mehr man weiß, desto weniger weiß man. Je mehr man lernt, desto mehr gibt es zu lernen. Je mehr man kann, desto klarer wird einem, dass man ziemlich wenig kann …

Genial! 

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Teilnehmer des 1. Kempo meets Silat-Seminars

 

Hakei – die Karate-Welle

Entspannte Power durch eine Welle im Körper

Entspannte Power durch eine Welle im Körper

Es war eine kleine Schar Auserwählter, die sich zum „Hakei Seminar“ mit Stephan Yamamoto im Kalletal trafen. Oder sollte man besser von „Schlaulis“ sprechen? Denn wer das Seminar mit dem wuchtigen Karateka aus Baden-Württemberg verpasst hat, der hat sich eine wirkliche Inspiration für jeden Kampfkünstler durch die Lappen gehen lassen.

So ganz langsam mausert sich das Kalletal zu einem Ort, wo sich nationale und sogar internationale Meister mit aufsehenerregenden Seminaren  die Klinke in die Hand geben. Nachdem es im letzten Jahr gelungen war, mit Frank Pelny einen weit über die Grenzen von Europa bekannten Kobudo-Meister zu einem Kommen zu bewegen, konnte ich in diesem Jahr mit dem Silat- und Kempo-Meister Niklas Sandrock erneut einen Top-Referenten gewinnen. Und Reinhold Weidemann war jetzt in der Lage, eben diesen Stephan Yamamoto für uns zu angeln.

Nicht zu halten - Befreiung aus Klammergriff

Nicht zu halten – Befreiung aus Klammergriff

6. DAN Shushukan-Karate, 3. DAN Iaido, 1. DAN Judo – ein stattlicher Fisch, und das im wahrsten Sinne. Dass Sensei Stephan schon mal ein halbes Jahr Sumo in Japan gerungen hat, nimmt man dem bulligen Zwei-Meter-Mann sofort ab. Es passiert nicht allzu oft, dass ich mich schmächtig fühle …
Überhaupt Japan. Stephan Yamamoto spricht Japanisch und ist durch lange Aufenthalte mit der Kultur des Inselreiches bestens vertraut. Dieses Wissen um Land, Leute und Mentalität sorgt für eine herrlich erfrischende Sichtweise. Und der angehende Religionswissenschaftler genießt es, die eine oder andere romantische Vorstellung über Traditionen rund um die Kampfkünste zu pulverisieren.

Doch zunächst zum Hakei und dem Prinzip der Wellenbewegung, welches Thema des Seminars war. Der Tag begann mit ungewohnten, ziemlich entspannten Aufwärmeinheiten. Sensei Stephan versteht sich als Kampfkünstler, nicht als Kampfsportler. Gerade diese sportliche Komponente sorgt seiner Meinung nach für eine völlig falsche Orientierung des Karate, weg von einer gesundheitsfördernden und -erhaltenden Kunst mit vielfachen Anwendungen, hin zu einer limitierten und nur auf den schnellen Erfolg fixierten und damit seiner Potentiale und Ideale beraubten Sportart. Wobei das, nach seiner Meinung, auch für die meisten anderen Stile gilt, ob Judo, Kendo oder Jiu Jitsu und Co.. Das bedeutet allerdings im Umkehrschluss nicht, dass Yamamoto der Körperlichkeit abgeschworen hätte. Ohne Fleiß kein Preis –  das gilt natürlich auch im Shushukan.

Folgerichtig bewegten wir uns wenig schweißtreibend, dafür eher in den eigenen Körper fühlend. Die Beweglichkeit des Brustbeins gewann Bedeutung, denn soll eine Welle im Körper vom Fuß über die Hüfte und die Schulter zum Arm zum Kraftbaufbau genutzt werden, dann ist hier Elastizität gefragt. Verdammt ungewohnt! Und so war die ganze Schwarzgurt-Prominenz unverrichteter Dinge dabei, wieder Grundschule in Bahnen zu laufen …

Als Sensei Yamamoto zum hölzernen Übungsschwert greifen ließ, wollte er damit Körperhaltung und Wellenbewegung verdeutlichen. Mit Erfolg, denn auf einmal wurde mir klar, was er meint. Für Yamamoto war es übrigens eine Erklärung wert, dass Kobudo und Karate zusammen gehören und Bo und Co erst im Sport-Karate ihre Berechtigung verloren hat. Ein kleines Beispiel dafür, dass wir im Kempo auf ’nem ziemlich richtigen Weg sind, denn DAS trainieren wir ja schon lange. Und auch die Jungs vom Silat bekamen ein breites Grinsen ins Gesicht … :-)

Das Grinsen wurde im Laufe des Lehrgangs noch breiter, denn nachdem Stephan Yamamoto das Prinzip der Welle verdeutlicht hatte, ging er zur Interpretation von Kata-Bewegungen und deren angewandter Technik über. Grundlage waren Shotokan-Kata, die den meisten Kempoka unbekannt waren. Von Schlägen oder Tritten entlang einer geraden Linie rät Yamamoto ab. Die Power seiner Techniken kommt aus der „inneren“ Welle. Und auch Wellen donnern ja nicht als gerade Wasserwände an die Küste …
Als er mit beidhändigen Aktionen Schläge und Tritte aufnehmen und kontern ließ, war die Nähe vom Shushukan Karate zu einem wesentlichen Silat-Prinzip augenscheinlich. Block, Pass, Schlag – im heutigen Karate und auch Kempo wenig praktizierte Aktionen. Aber im echten Kampf viel eher erfolgversprechend als die „Ein-Schlag-und-Tod-Variante“ moderner Sport-Interpretationen oder von Hollywood-Krachern. Für mich verlässt das Shushukan damit den Sport und wird zur echten Kampfkunst. Denn werden die Techniken konsequent geübt, dann ist dem Verteidiger ziemlich schnuppe, wie der Angriff erfolgt – er weiß automatisch eine Antwort. Es geht nicht mehr um einstudierte und vorformulierte Abläufe, sondern um Prinzipien, die auch in einer echten Auseinandersetzung wirklich funktionieren.

Für mich eine erneute Bestätigung, wie gut meine neuen Erfahrungen im Silat eigentlich zu „meinem“ Kempo passen, denn wenn man unsere Kata und vor allem unsere Kumite genauer anschaut, dann erkennt man genau diese Bewegungen immer wieder. Vielfach wird heute aus Unkenntnis der erste Block oder der Pass nicht in seiner richtigen Funktion ausgeführt, sondern ist zu einer harten Technik „vermurkst“ worden, die vor allem gut aussehen soll. Doch bei genauer Betrachtung erkennt man deutlich, wie die Technik eigentlich ausgeführt werden muss, um effektiv zu sein und Sinn zu ergeben.

Und wenn ein anerkannter Experte eines originalen japanischen Karate-Stils zu eben genau diesen Interpretationen gelangt, dann ist das für mich ein echter Ansporn, mich weiter mit unseren Kata und Formen zu befassen, um für mich zusammenzuführen, was zusammen gehört. Meine Erfahrungen im Judo, Kung Fu und Taekwondo gewinnen immer mehr an Gewicht für mein Kempo. Denn wie im Silat wird auch im Shushukan von Yamamoto gehebelt, gewürgt, geworfen und gefallen. Dazu die vibrierende Hüfte des Tesshinkan Kobudo und die Hakei-Welle des Shushukan – passt doch!

Die Körperarbeit von Stephan Yamamoto ähnelt ein wenig dem Silat. Da klatscht es mitunter ganz schön. Kontakt gehört auf diesem Niveau einfach zum Lernen und Lehren dazu. Auch wenn das Seminar von Sensei Stephan von der Intensität der Silat-Gruppe um Niki Sandrock weit entfernt war. Aber diese Truppe ist sowieso handverlesen und kann nicht mit „normalen“ Kampfkunst-Aktivitäten verglichen werden. Wer mit Stephan Yamamoto trainiert, der darf also auch „geben und nehmen“.

Neue Inspiration, neue Fragen an das eigene Verständnis, neue Techniken – wenn mich ein Seminar nachhaltig zum Nachdenken anregt, dann war es für mich ein gutes Seminar. Ich hoffe, dass ich nicht das letzte Mal bei und mit Sensei Stephan Yamamoto trainieren durfte …

Interview: 24/7 für die Kampfkunst

Ich bin ein Glückspilz. Denn ich hab es mir einfach gemacht. Ich bin auf der Suche nach den Ursprüngen meines Kempo zunächst zu meinem Lehrer Witalli Reingard gegangen und habe mit ihm trainiert und ihn befragt. Und mit Nikolas Sandrock habe ich den nächsten Lehrer gefunden, der ein tiefes Verständnis vom Kempo hat. Auch mit ihm darf ich trainieren. Und aufgrund meiner chronischen Neugier hab ich ihn natürlich auch mit Fragen gelöchert. Mit welchen, verrate ich hier:

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Steckbrief

Name: Nikolas Sandrock
Stil: Silat Suffian Bela Diri
Grad: 2. DAN Kempo, aber eigentlich sind Niki DAN-Grade egal
wohnt in: Asendorf (Kalletal)
trainiert: u.a. in der Faustwerkstatt Detmold, auf Seminaren, im privaten Dojo

Wann und wie begann Deine Laufbahn als Kampfsportler?

Mit 6 Jahren, 1983 Judo beim Budo SV Kalletal.

Welches waren Deine Trainer, welche Einflüsse haben Dich geprägt?

Das sind in 32 Jahren eine Menge Trainer gewesen, aber meine Meister sind Marc Richards vom Dragon Fist Kempo und Maul Mornie, Silat Suffian Bela Diri.
Marc hab ich etwa 1990 kennengelernt, bis dahin hatte ich mich mit Judo, Shotokan und Hadaka Kempo beschäftigt. Er zeigte mir Kempo, das hart und effektiv ist und führte mich auch an die anderen Seiten der Kampfkünste (KK) heran. Ich durfte ihn besuchen und an seinem Leben teilnehmen und erfahren, wie er die KK in seinen Alltag integrierte. Er lehrte mich zu trainieren und meine körperlichen Grenzen zu erfahren und zu überschreiten. In stundenlangen Gesprächen erläuterte er mir die Werte der Kampfkunst und brachte mir bei, zu reflektieren, zu analysieren und an Körper und Geist zu feilen und zu optimieren. Über Jahre verbrachte ich fast jeden Tag mit und bei ihm – Training, Wettkämpfe, Lehrgänge, Training. Ab meinem 16. Lebensjahr durfte ich ihn beim Unterrichten unterstützen.Das war wohl die prägendste Phase meines Lebens.

ssbd lock3Unter Maul zu trainieren ist etwas ganz anderes. Marc’s Unterricht basierte auf Bewegung, tagelangem Austrainieren.  Maul lehrt Prinzipien. Er gibt Wissen komprimiert weiter. Ein Wochenende mit Maul ist wie ein Jahr Training in einem Verein. Maul hat mein Verständnis von Technik und Taktik massiv erweitert. Auch hat sein Humor und seine lockere Art meine eigene Art zu unterrichten verändert.
In den verschiedenen Phasen meines Lebens habe ich mich mit den verschieden Seiten der KK beschäftigt, mit der SV, Technik und Taktik, der Bewegung und Darstellung, mit Spiritualität und Philosophie, mit Energie und Gesundheit. Für jeden dieser Aspekte hatte und habe ich Lehrer, jeder von ihnen hat mich und meine KK mitgeprägt und jedem von ihnen bin ich unglaublich dankbar.

Wie hast Du Dein Kempo weiterentwickelt, nachdem Du die Gruppe um Marc verlassen hast? Was hast Du verändert, was ergänzt? Und was „fehlt“ oder fehlte dem Kempo, was vermisst Du?

Ich habe mir damals viel Zeit genommen, alles Erlernte auseinander zu nehmen und zu verstehen. Zunächst wollte ich mehr wissen über die im Kempo verborgene spirituelle Symbolik und deren Wirkungsweise. Dazu habe ich alte buddhistische, hinduistische und taoistische Lehren und Techniken studiert und mich mit Yoga, Taiji, Hsing Yi, Kyusho Jitsu und Bagua beschäftigt. Im Kempo ist vieles angelegt, aber nichts wirklich ausgeführt. Das ist nicht unbedingt schlecht. Wie ein Wald voller Geschenke, und jeder findet nur die, die für ihn bestimmt sind und entpackt sie – oder auch nicht.

Später habe ich versucht, die technische Seite des Kempo aufzuschlüsseln. Das Hauptproblem ist die Fülle der Bewegungen. Selbstverteidigung muss schlicht sein, damit sie unter Stress funktioniert. Also habe ich mich in unseren Formen und Techniken auf die Suche gemacht nach Prinzipien, also wenige, einfache Bewegungsmuster, die sich auf viele unterschiedliche Angriffe anwenden lassen. Ich habe sie gefunden und bald darauf entdeckt, dass andere Stile bereits mit ähnlichen Prinzipien arbeiten. Also habe ich mich mit philippinischen Kampfkünsten (FMA) auseinander gesetzt.

Zu deiner Frage: Ich habe nichts ergänzt, sondern die Prinzipien, die eh schon vorhanden waren, extrahiert und Übungsmethoden dafür entwickelt und dafür gesorgt, das die Symbolik des Stiles in den meditativen Übungen eine Ordnung erhält, so dass es den Schülern leichter fällt, sie zu finden, wenn sie dazu bereit sind.

Gibt es Nachfolger in Deinem Stil?

Jeder ist der Nachfolger, und es ist nicht mein Stil. Es ist das Lung Chuan Fa, Dragon Fist Kempo. Marc hat das Wissen gesammelt und sortiert, ich hab von ihm gelernt und es nach bestem Wissen weitergegeben. Jeder Lehrer versteht die Kampfkunst anders und verändert die Unterrichtsmethodik nach seinem Verständnis. Das ist kein neuer Stil. Man kann es auch andersherum sagen: Jeder kreiert seinen Stil, anhand seines körperlichen und geistigen Potentials. Wenn wir zwei je 15 Jahre den gleichen Stil trainieren, kommt am Ende etwas anderes dabei heraus.  Nochmehr, wenn wir unterschiedliche Stile trainiert haben. In dem Moment, in dem wir uns intuitiv bewegen, ist das, was dann zu sehen ist, unsere eigene Kampfkunst. Deswegen halte ich nicht so viel von Stilen und Traditionslinien – jeder klaut bei jedem, und das ist vollkommen in Ordnung, man nennt das Entwicklung.

Nikolas 01Wie bist Du zum Silat gekommen? Die Silat-Gemeinschaft scheint eng vernetzt und etwas anders strukturiert als „normale“ Kampfkünste.

Über youtube. Ich hab Maul’s Videos 2008 entdeckt und mir jeden Tag angesehen und all meine Freunde damit genervt. Die Parallelen zum Kempo sind offensichtlich, die Arbeit mit den Prinzipien noch klarer als im FMA. Im Sommer 2009 bin ich mit meinem Trainingspartner nach Wiesbaden gefahren, um ein Seminar mitzumachen. Neben den unglaublichen Fähigkeiten, die Maul als Kampfkünstler hat, gefiel uns vor allem der freundliche, konkurrenzfreie Umgang in der Gemeinschaft. Keine Politik, keine Gürtel, keine Hierarchie – nur Kampfkunst. Also sind wir geblieben.

Was sind Deine nächsten Ziele?

Meine persönlichen Ziele in der Kampfkunst (hm) … Erstmal gibt es für mich noch so viel gesammeltes Wissen auszutrainieren. Ich freue mich darauf, mit meiner kleinen Gruppe immer tiefer einzutauchen und unsere Fähigkeiten zu optimieren. Trainieren halt! Sollte es noch mehr geben für einen Kampfkünstler?
Mein Ziel für die Faustwerkstatt ist weiterhin Seminararbeit. Wir wollen uns weiter etablieren im Bereich Selbstverteidigung/Selbstbehauptung und der Schulung von SV-Instruktoren. Dazu arbeiten wir mit verschiedenen Schulen, Trägern und Einrichtungen in den unterschiedlichsten Bereichen, und das bisher mit durchschlagendem Erfolg.

Du warst oder bist ein echter Profi, hast als „Professional“ von Deiner Kampfkunst gelebt. Wie vereinbarst Du heute Beruf und Familie mit Deiner ziemlich zeitraubenden Leidenschaft Kampfkunst?

Ich habe zwei Jobs: Zum einen die Faustwerkstatt, und zum anderen die Zimmerei. Solange meine drei Töchter noch klein sind, will ich soviel Zeit wie möglich mit ihnen verbringen. Das ist bei regulärem Kursbetrieb der Faustwerkstatt (täglich 15-22 Uhr) nicht möglich gewesen. Daher der Rückzug der Faustwerkstatt in den Bereich Seminare. Mein Dojo habe ich jetzt in meinem eigenen Haus, so können die Kinder notfalls beim Training dabei sein. Meine Familie kennt meine Leidenschaft und weiß, dass bei mir 24 Stunden Kampfkunst im Kopf ist. Und sie räumt mir zum Glück regelmäßig Zeit ein für Training und Fortbildung und bringt eine Menge Geduld auf, wenn Papa mal wieder nicht ansprechbar ist, weil er von Techniken träumt …