Welcher Stil ist auf der Straße der beste? Keiner. Alle.

Selbstverteidigung 08Welcher Stil ist auf der Straße der beste? Ist diese oder jene Technik wirklich wirkungsvoll? Das haut doch in der Realität nie hin! Und überhaupt, Krav Maga (oder eine beliebige andere neue Kampfkunst) ist doch viel wirkungsvoller …

Dauerthema in fast jeder Stunde. Jede Grundtechnik wird in Frage gestellt, immer wieder neue Diskussionen und die Frage nach dem Sinn. Geht mir mittlerweile maximal auf den Wecker. Deshalb diese Zeilen.

Liebe Zweifler, Nörgler und Besserwisser: Mir ist das völlig schnuppe, ob es in einer Kata oder einer der anderen Bewegungsübungen immer alles klappen würde, stünde man damit inmitten einer Schar von kampfeswilligen Bösewichten.

Einstudierte Bewegungsfolgen sind nötig, um Techniken zu üben, zu verstehen und im Training mein Gegenüber nicht zu verletzen. Egal, wieviel Schutz der trägt: Wenn man richtig draufsemmelt, nutzt auch der beste Schutzanzug nix. Dann fällt der um. Und hat nach der dann nötigen Ersten Hilfe keine Lust mehr, sich nochmal hauen zu lassen. Was mir nicht hilft, um eine Technik zu verfeinern. Also übe ich „realitätsfern“. Entweder berühre ich überhaupt nicht, oder ich treffe mit wenig Input. Oder ich verwende Techniken, die im Zweifel eher sportlichen Charakter haben, wie beim Judo.

Hakei 14Auch Vollkontakt ist in der Regel Sport. Also mit Regeln. Die Jungs (und Mädels) hauen sich zwar wirklich um, aber alles streng diszipliniert. Das hat nix mit Selbstverteidigung zu tun, klappt also im Zweifel auch nicht.

Selbstverteidigung, oder besser die realistische Anwendung der Techniken, ist viel eher eine Einstellungssache, denn eine Frage der Technik oder des Stils.

Im Zweifel zieht mir ein Schläger eine Bierflasche auf die Birne, ehe ich überhaupt mitbekomme, dass der sich von mir provoziert fühlt. Da nützt mir mein Stil überhaupt nix. Und während ich die Englein singen höre, tritt der mir noch lustig in die Rippen. Ist ja heute so Mode.
Ich bin eben kein Soziopath, der ständig kampfbereit durch die Gegend läuft. Ich wohne auf dem Land, im beschaulichen Deutschland, in ziemlich geordneten Verhältnissen, mit einem Verhaltenskodex, den mir mindestens meine Eltern, aber auch mein restliches Umfeld mitgegeben haben.
Ich find das auch ziemlich in Ordnung und möchte gar nicht anders sein. Und ich möchte auch nicht mit dem Schläger vom Kiez oder dem Hooligan des nächsten Fußballvereins tauschen. Die und ihren ganzen Werteapparat finde ich nämlich kacke. Obwohl die im Zweifel wesentlich gewaltbereiter sind als ich und … mich damit besiegen könnten.

Selbstverteidigung 27Mir reicht, dass meine Kampfkunst insgesamt es mir ermöglicht, hoffentlich in den meisten Fällen dem ersten Schlag auszuweichen. Vielleicht auch dem zweiten. Und dann bin ich entweder weg. Oder selber dran.

Ob das wirklich klappt? Auf jeden Fall besser, wenn ich fleißig übe und nicht permanent diskutiere und jede einzelne Technik auf ihre angebliche Sinnhaftigkeit überprüfe. Im Zweifel hab ich nämlich deren Ausführung einfach nicht verstanden und brauche noch ein wenig mehr Übung. Oder sie gehört einfach zu meiner KampfKUNST und vervollkommnet sie. Glaubt mir: Mit den Fähigkeiten, die ein Kempoka (oder ein Karateka, Judoka, Kickboxer etc.) im Laufe des jahrelangen Trainings erlangt, ist er für „normale“ Auseinandersetzungen gut gewappnet.
Zu guter letzt: Ich war des öfteren schon in haarigen Situationen. Das intuitive Reagieren klappte bestens. Unbesiegbar fühle ich mich trotzdem nicht. Im Zweifel treffe ich den Typen mit der Bierflasche. Oder der eben mich …

Kinder-Kram

AngruessenSchwupps, da hat es mich wieder. Nachdem ich im ersten Halbjahr ein wenig mehr Silat als Kempo trainiert habe, bin ich jetzt wieder mit Volldampf beim Shaolin Kempo dabei.
Und zwar sowohl bei den Großen als auch bei den Zwergen. Zusammen mit meinen Trainingskollegen Andreas und Andreas habe ich das Kindertraining übernommen, und bis Ende des Jahres auch zeitlich die Hälfte des Erwachsenentrainings.

Was sich ändert

Der Wechsel in der Kindergruppe wurde dringend nötig. Das pure und sture Abfragen von Prüfungsprogrammen, kombiniert mit einem nicht zu erkennenden Plan, wozu das Ganze eigentlich dient, garniert mit einem wenig kindgerechten Hierarchie-Ansatz – das konnte nicht klappen. Übrigens auch nicht bei Erwachsenen. Selbst mein eigener Zwerg war kurz davor, sich lieber ein anderes Hobby zu suchen. Ein halbes Jahr nicht eine neue Technik, keine neuen Impulse – das war verschwendete Zeit. Zuletzt war die Gruppe bis auf ein sehr kleines Häufchen zusammengeschrumpft.
Wer kritisiert, sollte auch selber Verantwortung übernehmen. Also habe ich nicht lange gezögert, als die Frage aufkam, ob ich nicht das Training des Nachwuchses vom Lung Chuan Fa übernehmen wolle.  In den Sommerferien haben sich meine beiden Andreas’se und ich zusammengesetzt und überlegt, was und wie die Kinder eigentlich lernen sollen. Klar: neue Techniken. Und der Spaß sollte wiederkommen.
Uns ist es wichtig, dass wir im Training zwar eine feste Anleitung geben, aber die Kinder auch darüber hinaus ganz allgemein den Sinn von Kampfsport vermittelt bekommen. Und der allererste Sinn ist: Ich werde nicht gehauen. Also üben wir in jeder der knapp bemessenen Stunde jetzt Fallübungen, Rangelspiele und damit Körperkontakt und Ausweichübungen. Angenehmer Nebeneffekt: Außer Dehnübungen und ein paar leichten Krafteinheiten, die extra einfließen, werden die Nachwuchs-Kempoka so auch bestens warm gemacht. Diesen Part übernimmt Andreas Harder, der zwar im Kempo selber noch nicht sehr fortgeschritten ist, aber im Sambo ein echter Meister. Und Sportlehrer, schon in Moskau. Und heute Physiotherapeut. Und selber Papa eines Sohnes, der Kempo betreibt. Besser geht kaum, oder?

Doppelter Andreas

Der zweite Andreas, nämlich der Ross, übernimmt die spielerische Komponente. Andreas ist nicht nur glühender Kempoka und selber extrem ehrgeizig, sondern auch noch sehr wissbegierig und lernwillig. Begeistert hat er sich auf die Aufgabe gestürzt, sich immer neue Spiele auszudenken, zu recherchieren oder abzuwandeln, die im Kindertraining für Auflockerung sorgen, aber trotzdem weiter an der Koordination und der Kraft für den Kampfsport arbeiten. Andreas ist nicht nur selber Sportler, sondern ebenfalls Papa, allerdings gleich von zwei Sprösslingen, die in unserer Kindergruppe aktiv sind. Gemeinsam sind wir also drei Kempoka und drei Väter, deren Kinder allesamt ebenfalls in der Gruppe trainieren. Gibt’s auch nicht so oft … :-)
Und da wir alle drei berufstätig sind, ergänzen wir uns auch dann, wenn mal einer oder zwei von uns nicht können. Die generellen Pläne, was wann und warum trainiert wird, erstelle ich in Absprache. Die beiden Andreas unterstützen, leiten und gestalten aber kräftig mit. So ergänzen wir uns als Trio perfekt. Und siehe da: Die Kindergruppe stabilisiert sich auch in Sachen Teilnehmer wieder. Die Kids zeigen sich lernwillig und leistungsbereit und haben schon enorme Fortschritte gemacht.

Spaß und Ernst

Bemerkenswert und faszinierend für uns alle drei ist die Bereitschaft der Kinder, sich Neuem zu stellen. Und die Tapferkeit, mit der einige sich auch durch manchmal unerfreuliche Erfahrungen durchbeißen. Fallschule ist solch eine echte Herausforderung. Mittlerweile können die kleinen Wirbelwinde fast alle locker vorwärts, rückwärts und seitwärts fallen. Jetzt sind die ersten Würfe dran. Stehen zwar längst noch nicht im Prüfungsprogramm, führen aber die Fallschule perfekt fort. Warum soll man Fallen lernen, wenn man nicht fällt?
Auch die Standfestigkeit hat sich deutlich verbessert. Was nützen mir Stände und Tritte, wenn ich bei deren Ausübung schwanke, bei den Drehungen stolpere und bei Treffern umfalle? Mit einigen neuen Inhalten versuchen wir, die Wackler in den Griff zu bekommen. Mittlerweile sitzen diese Basics und lassen ein vernünftiges Tritt-Training erst möglich werden.
Die nächsten Monate widmen wir uns jetzt den Partnerübungen. Feste Partner gibt es nicht mehr, jeder trainiert jetzt mit jedem. Gerade für die „Schwächeren“ ist es wichtig, mit wechselnden Partnern zu üben, um sich mit den „Starken“ messen und sich verbessern zu können.  Kata streuen wir in jedem Training ein, allerdings eher, damit die Abläufe sitzen. Die korrekte Technik erarbeiten wir uns gemeinsam ganz automatisch durch die Grundschule. Eine eigene Kata-Trainings-Einheit mit Rhythmik, Tempowechsel und Betonung folgt in den nächsten Wochen.
Was aber am allerwichtigsten ist: Es wird gelacht, gekreischt und gequietscht. Die Augen leuchten, auch wenn es anstrengend wird. Der Spaß ist zu spüren, und der Stolz auf das Erreichte. Und das ist der beste Lohn, den wir für unseren Einsatz bekommen können …

Die ewige Kata

Je länger ich mich der Kampfkunst verschreibe, desto länger beschäftigt mich die Kata. Und zwar mittlerweile im durchaus positiven Sinne. Was übrigens die meisten Betrachter, die nix mit Kampfkunst am Hut haben, ziemlich ratlos dreinschauen lässt. Denn der imaginäre Kampf gegen einen oder mehrere Gegner sieht für Außenstehende manchmal wohl doch arg nach Ballett im Schlafanzug mit lautem Gebrüll aus. Ich habe solch lästerliche Stimmen im eigenen Haus … :-)

Nix mit Kata
Die ersten zehn Jahre meiner Kampfsport-Karriere habe ich mit Kata gar nichts im Sinn gehabt. Das klassische Sport-Judo meiner Zeit kannte den Begriff gar nicht. Oder ich war nicht in die höheren Sphären vorgedrungen. Techniken, Fallübungen, Kämpfen in Boden und Stand – das reichte doch … Bis ich dann selber mit dem Kung Fu anfing. Und von Beginn an fasziniert war von den Bewegungen der höheren Schüler und Meister. Wow, das wollte ich auch lernen! Tatsächlich sind die chinesisch inspirierten Formen des Wun Hop Kuen Do ein echtes Brett, mit vielen Handspielen, tiefen Ständen und reichlich Akrobatik. Da ich nur wenige Jahre dabei war, kam ich über das reine Lernen der Formen aber nicht hinaus.

Kata kämpfen
Das erste Mal, dass ich tatsächlich eine Ahnung davon bekommen habe, was Kata wirklich sein können -also auch für mich -war beim Taekwondo. Das lag einfach daran, dass ich dort intensiver trainiert habe, dank der Vorschule von Judo und Kung Fu auch schon viele Bewegungen drauf hatte, und ein paar Jahre länger dabei war. Eine echte Inspiration war natürlich mein Trainer, Oktay Cakir. Wie sich dieser Taekwondo-Meister bewegen konnte, erinnerte immer an eine gespannte Stahlfeder. Und hier habe ich zum ersten Mal erlebt, dass man eine Kata, im Taekwondo Hyong genannt, auch tatsächlich kämpfen kann. Die Abfolge der Bewegungen ergab auf einmal Sinn und war nicht „nur“ ein Auswendiglernen von Technik nach Technik.

Nach dem reinen Lernen folgte also das Gefühl dafür, dass man eine Kata, wenn man sie wirklich „auswendig gelernt“ hat, auch mit Energie laufen kann. Mit ein wenig Konzentration gelang es mir tatsächlich, gegen virtuelle Gegner auch zu kämpfen. Schläge und Tritte kamen auf einmal wirklich hart an, die Abwehrbewegungen waren so energisch, dass ich tatsächlich auch hätte abwehren können, wenn es einen echten Angriff gegeben hätte. Aber das war Tagesform-abhängig. Mal klappte es, mal reichte die Konzentration nicht. Und vor allem harmonierte diese sehr harte Ausführung der Kata nicht so richtig mit dem fließenden Element, welches jede gute Form auszeichnen sollte.

DSC_2357Kata variieren
So richtig begriffen habe ich die Herausforderung durch Kata dann beim Kempo. Mit wieder neuen Kata. Die erst einmal gelernt werden mussten (und müssen!). Und da ich mittlerweile die zarten Teenie-Jahre lange hinter mir habe, fällt mir das Lernen der Bewegungsfolgen auch deutlich schwerer als früher. Was aber gar nicht von Nachteil sein muss, denn dadurch übe ich sie einfach langsamer und, wie ich hoffe, intensiver.
Mittlerweile variiere ich permanent beim Üben. Mal ganz langsam, mal schnell. Dann mit übertrieben tiefen Ständen, dann wieder jede Bewegung gleich fünfmal hintereinander ausführend. Durch das Unterrichten von Kata werde ich mit Fragen konfrontiert, die ich nicht immer gleich beantworten kann. Dann suche ich nach Möglichkeiten, Bewegungen zu rechtfertigen. Oder ich frage mich selber: Warum muss etwa der Zenkutsu Dachi schulterbreit ausgeführt werden, der Kokutsu Dachi aber mit den Füßen auf einer Linie? Ist es nicht sinnvoller, in einer eher der Verteidigung dienenden Stellung etwas breiter zu stehen, um auch seitlichen Angriffen ohne Schwanken widerstehen zu können? Nur ein Beispiel von vielen …

Kata falsch
Durch das Bunkai, also die Suche nach der Anwendung hinter den Bewegungen, eröffnet sich eine ganz neue Möglichkeit, Kata zu erfahren und zu interpretieren. Im Austausch mit anderen Kempoka werden zuvor gelernte Bewegungen auf einmal sinnvoll. Oder eben erst recht hinterfragt. Shaolin Kempo basiert zwar auf alten Stilen, ist jedoch eine recht neue Interpretation mit Elementen aus etlichen Kampfkünsten. Ich finde es total spannend, immer weiter zu den Ursprüngen der Kata vorzudringen. Und das nicht nur durch Studium möglichst originaler Quellen, sondern eben auch ganz handfest durch das mögliche Verstehen von Techniken und Bewegungen. Denn häufig ist eine Technik, die ich HEUTE nicht verstehe oder anstrengend finde, auch falsch oder unsinnig. Oft versteckt sich hinter einer merkwürdig anmutenden oder verflixt anstrengenden Bewegung ein ganz neuer Ansatz, etwa um sich gegen Waffen zu verteidigen oder selber einen Wurf auszuführen. Bevor ich also für mich selber darüber urteile, ob etwas falsch überliefert wurde und ich die Bewegung ändere, übe ich lieber weiter „traditionell“ und frage mich und andere, ob meine Interpretation vielleicht fehlerhaft ist.

Durch die Beschäftigung mit dem Silat und anderen Kampfkünsten öffnen sich vielfach wieder ganz neue Horizonte. Denn durch die verschiedenen Angriffs- und Verteidigungswinkel, die etwa im Silat stecken, gewinnen Kempo-Techniken auf einmal neuen Sinn. Die vibrierende Hüftarbeit des Okinawa Kobudo macht viele Techniken genial effektiv. Oder die klassische Dreiecksbewegung im Kung Fu, die einer Kata ganz neues Leben einhauchen kann.

Zu kurze Kata
In den letzten Jahren habe ich manchmal etwas neidisch zu anderen Kampfkünsten geschielt. Da gibt es ewig lange Kata, mit dutzenden oder gar hunderten von Abläufen, alle hintereinander und teils spektakulär. Dagegen nehmen sich unsere relativ kurzen Kata ziemlich bescheiden aus. Dann las ich über Okinawa-Karate-Stile, in denen es nur ein oder zwei Kata gäbe. Ist das nicht langweilig? Doch mittlerweile empfinde ich die scheinbare Kürze unserer Kata als deutlichen Vorteil. Wenn in jeder einzelnen Bewegung doch so viel Information und Interpretation steckt, wie soll ich dann einer Kata wirklich Leben einhauchen, die drei- oder viermal so lang ist? Gerade im chinesischen Kung-Fu gibt es Kata (Kuen), die minutenlang dauern. Hunderte Bewegungen aneinander gereiht. Sportlich eine echte Herausforderung, Aber wenn eine Bewegung erst nach rund 8.000 bis 12.000 Wiederholungen wirklich im Unterbewusstsein abgespeichert ist, muss jedenfalls ich noch reichlich üben, bis unsere „kurzen“ Kata wirklich sitzen.


So klappt das
Folgende Art des Lernens hat sich bei mir mittlerweile eingebürgert:
– erstes Auswendiglernen der Bewegungen (dauert bisweilen ganz schön lange!)
– Üben in verschiedenen Tempi und unterschiedlich hohen Ständen
– Kämpfen der Kata, immer im Wechsel von hart und schnell bis zu ganz weichen Ausführungen
– Erarbeiten der Bunkai mit und ohne Partner, mit Trainer oder durch Beobachten (auch in Literatur/YouTube)
– permanente Korrektur in der Ausführung, wieder neues Lernen, wieder verschiedene Tempi, Höhen, Härten

Aktuell
Wir üben in unserem Lung Chuan Fa fünf Tai Tsuku, fünf Saifa und (momentan) drei Meisterformen, wobei es auch hier sicher noch mehr gibt. Dazu kommen diverse „importierte“ Waffenformen. Meine momentanen „Lieblinge“ sind die ersten zwei Tai Tsuku. Warum? Ganz einfach: Die habe ich viel häufiger absolviert als die höheren Kata. Und daher bin ich im Empfinden, dem Spüren der Kata, hier einfach weiter.
In mein „Bewegung-Gedächtnis“ versuche ich, die fünfte Tai Tsuku zu bimsen, die ziemlich komplex ist.
Ganz aktuell hat mir mein Trainings-Kollege Fabian einen neuen Impuls in der dritten Tai Tsuku gegeben. Statt zwei Angreifern seitlich nur einer von vorne… Das will geübt werden!
Und da beim Trainieren einer Kata gleich auch noch Ausdauer, Kraft, Gelenkigkeit und Geschmeidigkeit mit geübt werden und man das allein oder mit Partnern und zu Hause genauso wie im Dojo machen kann, ist für mich Kata momentan tatsächlich die optimale Trainingsform im Kempo. Eben ein ewiges Thema …

Silat – Das macht Kempo rund

Nikolas 01Auf dem Weg zu einem besseren Verständnis meines Kempo-Stils und dessen Wurzeln bin ich bei Nikolas Sandrock gelandet. Niki war lange einer der Meisterschüler von Marc Richards, der den Kempo-Stil Lung Chuan Fa entwickelt hat. Nach seiner Kempo-Zeit ist er über die philippinischen Stockkampfkünste Arnis und Escrima schließlich beim Silat gelandet. Genau der Richtige, um den Grundlagen des Kempo ein wenig näher zu kommen!
Nach kurzer Kontaktaufnahme erhielt ich eine Einladung, doch mal beim Training der Silat-Gruppe mitzumachen. Niki hat sich vor einiger Zeit dazu entschlossen, bei der von ihm gegründeten Faustwerkstatt in Detmold auszusteigen, wieder eine „ordentliche Tätigkeit“ aufzunehmen und nur noch in seinem eigenen, privaten Dojo zu trainieren. Seine Gruppe ist klein, fein und offensichtlich handverlesen.

Natürlich war ich gespannt wie Flitzebogen, was mich denn da erwarten würde. Zum einen kannte ich Nikolas Sandrock nur aus Erzählungen von Sensei Reinhold Weidemann, also nicht persönlich. Zum anderen war mir Silat nur dem Namen nach ein Begriff. Aktiv hatte ich mich noch gar nicht mit dieser Kampfkunst beschäftigt. Und auch meine Vorkenntnisse im Escrima sind eher rudimentär, basieren auf wenigen Einheiten beim Dacascos Kung Fu und einigen Drills, die mein Sensei Witalli mir/uns beigebracht hat und die bei uns eher selten trainiert werden. Also schnell mal einen Blick ins Internet geworfen und versucht, mich schlau zu machen. SSBDsilat suffian logo blog

Au weia! Tolle Bewegungen, faszinierende Kampfkunst, auch mit Waffen. Doch meine Knie taten schon beim Zugucken weh. Wo krabbeln die denn da rum? Tief, tiefer, Silat? Worauf hatte ich mich da bloß eingelassen? Meine armen Gelenke, gerade im Kniebereich! Egal, die Einladung stand, ich hatte zugesagt, und Bange machen gilt nicht. Also stand ich eines Abends kurz vor Weihnachten tatsächlich auf dem Hof vor Nikolas‘ Wohnhaus. Das ist nämlich eine alte Dorfschule. Und das ehemalige Klassenzimmer ist von Nikolas umgewidmet in ein Dojo, also einen Trainingsraum. Hier haben, wie ich später erfuhr, schon Generationen von Kampfsportlern die Beinchen geschwungen.

Nikolas 02Nikolas erwies sich als überaus sympathischer Zeitgenosse, der mich herzlich begrüßte. Und auch die Damen und Herren, die dann eintrafen, schienen allesamt sehr offen und nett zu sein. Dann ging es auch schon los. Nach einer Begrüßungszeremonie, die ich zunächst mal überhaupt nicht verstand (machte aber nix, keiner guckte böse) folgte ein eher klassisches kurzes Aufwärmen. Und dann ging es schon los mit der Krabbelei. Doch obwohl ich mal wieder schnaufte wie eine alte Dampflok (was ich immer mache, egal wie mein Fitnessstand gerade ist) und die Bewegungen wirklich ungewöhnlich waren: Meine Knie hielten schmerzfrei durch. Runter, halb hoch, ganz runter, wieder ein wenig hoch – ne ne, nicht ganz aufrichten – wieder runter und noch eine Bahn. Zittrig und keuchend versuchte ich einigermaßen, nicht zu ungelenk auszusehen.

Footwork, Fußarbeit – Niki erklärte, dass sie die Basis des Silat sei. Naja, nicht nur vom Silat, dachte ich. Tai Sabaki ist der Begriff, unter dem man im Kempo und Karate das Ausweichen und anschließende neue Ausrichten zum Gegner praktiziert. Eine Basisübung, die ich noch gut vom Kung Fu her kannte. Aber in meinem Training der letzten Jahre war die Dreiecksbewegung, die Grundlage des Tai Sabaki ist, deutlich zu kurz gekommen. Umso besser, das jetzt mal wieder ausführlich zu üben. Mit der Fußarbeit einher geht eine feste Körperhaltung, die „Struktur“, wie Niki erklärte. Klar: Was nützen mir flotte Füße, wenn ich im Oberkörper nicht stabil bin, um Abwehr und Konter einzuleiten! Also noch ’ne Bahn.

ssbd lock3Nach dieser Basis ging es ans Messer. Silat ist zu allererst eine Waffenkunst. Die waffenlosen Bewegungen basieren allesamt auf den Ausweich- und Konterbewegungen mit Klinge. Also wurde jetzt paarweise geübt. Die immer wiederkehrenden Bewegungen werden Drills genannt. Zwar waren mir die Ausweich- und Kontermanöver nicht fremd, doch geht es beim Silat um Feinheiten. Blockt man den angreifenden Arm falsch ab, dann gibts im Kempo einen blauen Fleck, schlimmstenfalls einen wirksamen Konter. Beim Silat, mit Waffen in der Hand, wären solche Ungenauigkeiten ziemlich doof, da schnell Finger, Arm oder Kopf ab.

Maul MornieSilat ist eine Sammelbezeichnung für mehr als 800 Einzel-Stile, die in Südostasien entwickelt wurden. Indonesien und Malaysia mit ihren vielen Völkern sind Zentren dieser Kampfkünste. Der Stil, der von Niki und seiner Gruppe praktiziert wird, nennt sich Silat Suffian Bela Diri und stammt aus dem Sultanat Brunei. Silat oder Pencak Silat ist uralt, wurde aber lange Zeit nur im Rahmen von Familienbeziehungen weitergegeben, Außenstehende wurden nicht unterrichtet. Auch der Lehrer (Guro oder Guru) von Niki folgte zunächst dieser Tradition, erhielt aber von seinem Großvater die Erlaubnis, den alten Familienstil öffentlich zu unterrichten. Maul Mornie ist der Name dieses ungewöhnlichen Mannes, der so gar nicht dem Klischee des zarten, eher drahtigen Indonesiers entspricht. Maul Mornie ist ein ziemlich wuchtiger und kompakter Typ. Und sauschnell. Wer Videos seiner Seminare betrachtet, bekommt eine Ahnung, was passiert, wenn man sich auf ein Training mit ihm einlässt.

Ich hatte mich auf ein Training mit und bei Niki eingelassen. Und was soll ich groß sagen: Ich war (und bin) begeistert. Das Silat Suffian Bela Diri passt perfekt zum Kempo. Ich habe noch nie eine elegantere Art gesehen, Angreifer sauber in Stückchen zu zerlegen und mit den Einzelteilen den Boden aufzuwischen. Dazu eine ganz eigene Atmosphäre mit überaus sympathischen, entspannten und freundlichen Aktiven, die sehr konzentriert zur Sache gehen. Und die Art und Fachkenntnis von Niki als Trainer – einfach gut. Der Abend endete nach weiteren zwei Stunden Fachsimpelei über Kampfkunst, Kempo und Silat erst gegen 24 Uhr. Und nach der Einladung von Niki, ich könne ruhig öfter kommen, fühlte ich mich nicht nur geehrt, sondern geradezu beseelt. In den nächsten Monaten werde ich versuchen, tiefer in die Geheimnisse des Silat einzutauchen. Und dabei ganz automatisch meine Kampfkunst-Wurzeln, die ganz klar beim Kempo liegen und bleiben werden, noch zu festigen und meine bescheidenen Fähigkeiten und Kenntnisse zu verbessern.Niki2

School is out – Eltern beim Kindertraining

Eltern-KinderEigentlich war es ein spontaner Gedanke: Warum nicht einmal unsere Kempo-Kinder zusammen mit ihren Eltern trainieren lassen?

Eltern sind enorm wichtig im Sport. Auch wenn es kein Leistungssport ist. Denn sie müssen ihre Zwerge nicht nur zum Training bringen oder den Weg organisieren. Sie sind auch erste Anlaufstelle, wenn einer der kleinen Racker im Training den Spaß verliert oder ihn ein Wehwehchen plagt. Wenn der Trainer ungerecht ist oder die anderen Kempoka es geärgert haben. Wenn es begeistert ist und neue Dinge gelernt hat. Mit anderen Worten: Die Eltern sind für uns, die das Training organisieren, eine unverzichtbare Stütze, auch wenn sie nicht während des Sports zuschauen.

Doch bis auf wenige Ausnahmen sind die meisten Eltern nur selten anwesend, wenn ihre Nachwuchs-Superstars die Fäuste fliegen lassen. Und so manch einer mag seine Sprösslinge insgeheim ein wenig unterschätzen ob ihrer sportlichen Leistungen. Da macht es doch Sinn, wenn beide gemeinsam mal zeigen können, was sie schon oder noch drauf haben …

Ganz klar war: Es würde natürlich spielerisch werden. Niemand sollte sich genieren, nur weil er nicht so sportlich ist. Keine Liegestütze, kein Dauerlauf, keine Situps. Aber ein wenig Technik und einige Basics mussten sein, sonst hätten unsere aktiven Zaungäste gar keinen Einblick in das Können ihrer Kinder haben können.

Ich war gespannt, wie viele Eltern tatsächlich kommen würden. Schließlich war es gerade der erste Ferientag und zugleich das letzte offizielle Training vor den Herbstferien. Und die letzten Trainings waren eher spärlich besetzt. Doch meine Befürchtungen zerstreuten sich schon bei der Ankunft vor der Halle. Wow! Bei der Aufstellung in Reihen zur Begrüßung war ich schon ein wenig stolz, dass unsere Kinder wirklich so viele Eltern zur aktiven Teilnahme bewegen konnten.

Also los! Immer abwechselnd gab es Spiele, Geschicklichkeitsübungen und auch einige Grundübungen mit Pratzen. Die meisten Kinder waren stolz wie Oskar, als sie mit ihren Müttern und Vätern durch die Halle flitzen konnten und mal so richtig zeigen, was sie so drauf haben. Die meisten „Großen“ kamen dabei aus dem Staunen nicht heraus, als sie sahen, mit welcher Kraft ihre „Schützlinge“ zuschlagen oder treten können. Und auch bei den so oft belächelten Katas, den Kämpfen gegen imaginäre Gegner, bekamen unsere Eltern einen Einblick in die Konzentration, die es erfordert, solch eine Bewegungsabfolge richtig und mit Kraft auszuführen.

Das Beste an der Stunde waren aber die strahlenden Gesichter unserer Nachwuchs-Kempoka und das Lachen von Groß und Klein bei den verschiedenen Übungen. Für die Kinder war es eine tolle Bestätigung für ihre Anstrengungen und mehr wert als so manche Staubfänger-Pokale im heimischen Kinderzimmer. Und für die Eltern war es ein hoffentlich lohnender Einblick, der sie darin bestärkt, ihre Kinder auch dann zu unterstützen, wenn es doch mal ein wenig anstrengender wird oder länger bis zur nächsten Gürtelprüfung dauert. Kampfkünste sind keine kurzweilige Beschäftigung mit immer schnellen Erfolgen. Der Weg, wirklich gut zu werden im Kempo, ist auch für die Kinder lang und oft steinig. Da können sie ein wenig moralische Unterstützung gut gebrauchen.

Fazit: Es war mit Sicherheit nicht das letzte Mal, dass die Eltern mit dabei waren. Vielleicht bekommt der eine oder andere ja schon beim Lesen Lust dazu, beim nächsten Mal mit dabei zu sein. Und vielleicht traut sich ja sogar ein Vater …