Kempo

Was ist Kempo, oder genauer Shaolin Kempo, eigentlich? Bevor ich im Kalletal in die Sporthalle gestolpert bin, war mir dieser Name nicht bekannt.

Kempo ist die japanische Bezeichnung für Chuan Fa, welches das chinesische Wort für Kampfkünste ist. Beide haben sogar die gleichen Schriftzeichen. Das soll deutlich machen, dass die Ursprünge dieser Kampfkunst in China liegen. In dem Stil, den ich trainiere, dem Lung Chuan Fa Kempo, ist daher eigentlich einer der beiden Begriffe, Kempo oder Chuan Fa, doppelt. Lung ist das chinesische Wort für Drachen. Also trainieren wir den Drachenstil des Kempo.

Okinawa und ganz allgemein das Ryukyu-Archipel gelten historisch als Wiege des Kempo. Das heute viel bekanntere klassische Karate ist eine Kampfkunst aus Okinawa und wurde erst im 20. Jahrhundert von den Japanern entdeckt und von ihnen zu „ihrer“ Kampfkunst umfunktioniert.  Auch in Deutschland werden heute klassische Kempo-Stile, etwa das Shorinji Kempo, gelehrt. In Ostwestfalen entwickelte sich „unser“ Kempo etwas anders:

Geschichte des Lung Chuan Fa Kempo

Lung Chuan Fa Kempo basiert auf den traditionellen Kempo-Kampfkünsten, die über China nach Okinawa kamen. Direkt ableiten kann man Lung Chuan Fa Kempo aber vom heutigen Shaolin Kempo von Großmeister Meijers, der nach wie vor in Holland lebt.

Über den alten Herren existieren etliche, teils amüsante Geschichten. Und offensichtlich hat Dschero Khan, so nennt er sich auch, eifrig an der Legendenbildung mitgestrickt. So führt er seine Abstammung tatsächlich bis auf Dschingis Khan zurück, sieht sich selbst als einen Prinz mongolischer Abstammung. Siehe auch diesen alten Spiegel-Artikel.

Sei’s drum, Gerard Karel Meijers blickt mit Sicherheit auf eine abwechslungsreiche und abenteuerliche Lebensgeschichte zurück. Sicher scheint, dass er in der Mongolei geboren wurde und dann tatsächlich in Indonesien in einem Waisenhaus gelebt hat. Er wurde von einem holländischen General namens Cornelius Meijers adoptiert, daher sowohl der Bezug zu Holland als auch sein bürgerlicher Name.

Meijers wurde von zahlreichen Stilarten inspiriert, trainierte nach eigenen Angaben unter anderem verschiedene Karatestile, aber auch chinesische und indonesische Kampfkünste. Seit etwa 1950 lebt der Kampf- und Lebenskünstler in Holland. Das ist auch heute noch eine der Hochburgen fernöstlicher Kampfkünste in Europa, denn nach wie vor leben viele Nachfahren aus den ehemaligen Kolonien Südostasiens in dem kleinen Land an der Nordsee. Sie stammen aus Soldaten-Familien von dortigen Einheimischen, die in den Besitzungen der Kolonialmacht Holland ihren Dienst für die Kolonialherren verrichteten und bei der eigenen Bevölkerung aus verständlichen Gründen wenig beliebt waren. Als die Holländer ihre Kolonien verlassen mussten, wanderten viele Angehörige dieser Hilfstruppen gleich mit in die fernen Niederlande aus. Sie brachten ihre Kampfkünste mit in die neue Heimat.

In Holland traf Meijers auf das aus Indonesien stammende Kun Tao. Kun Tao ist eine Mischung aus südchinesischen Kung-Fu-Stilen und indonesischen Elementen. Es zeichnet sich vor allem durch tiefe Stände und fließende Bewegungen aus. Kun Tao im Macan- („Tiger-“) Stil wurde von Meister („Paatje“) Carel Faulhaber, ebenfalls indonesischer Abstammung, unterrichtet. Faulhaber war, wie Meijers, Angehöriger der holländischen Streitkräfte und Vorgesetzter von Meijers. Zunächst unterrichtete Faulhaber ganz klassisch nur seine Familienangehörigen, begann dann aber, auch Nicht-Verwandte zu trainieren. Einer davon war der junge Gerard Karel Meijers.
Etwa drei Jahre lang trainierten die beiden Kampfsportler gemeinsam. Meijers erwies sich zunächst aufgrund seiner Kampfkunsterfahrung und seiner kommunikativen Fähigkeiten als die ideale Wahl, um den neuen Stil nach außen hin zu vertreten. Die beiden änderten den Namen in Shaolin Kempo. Um im damals größten Kampfsportverband Hollands aufgenommen zu werden, lehnten sie den Stil mit seinen Bezeichnungen und Prüfungsordnungen eng an das japanische System an, welches zu der Zeit das einzig anerkannte in Holland war.

Doch nach einigen Jahren trennten sich die beiden Kampfkunst-Pioniere im Streit. Meijers näherte seinen Stil weiter den eher harten japanischen Karate-Stilen an, gründete neue Dojos und gab auch Gastauftritte diesseits der deutschen Grenze, vor allem am Niederrhein und im Ruhrgebiet. Hier gibt es auch heute noch Dojos, die sich in direkter Abstammung seines Wirkens verstehen.
Hermann Scholz aus Kleve und Hans Stresius aus Duisburg-Rheinhausen, heute in Kamp-Lintfort, waren die ersten deutschen Schüler, die sowohl in den Niederlanden als auch in Deutschland bei Sifu Meijers trainieren konnten. Auch Rainer Franzolet aus Kevelaer („Kwoon Do“) war Schüler von Sifu Meijers.

Lippe bekam gleich zwei Kempo-Strömungen mit. Zum einen brachte Richard Claase, ein gebürtiger Indonesier und Soldat bei den niederländischen Streitkräften, das Shaolin Kempo von Sifu Meijers mit. Claase war direkter Schüler von Meijers in Holland und gründete in Blomberg ein Dojo. Der Stil verbreitete sich, wobei er stets leichte Veränderungen und neue Namen erhielt. Neben Lung Chuan Fa Kempo im Kalletal gibt es Dojos in Augustdorf, Bösingfeld, Pottenhausen, Schieder, Leopoldshöhe, Lage, Detmold sowie Bad Pyrmont und Steinheim. Der zweite Kempo-Zweig kam über Ted Verschuur, ebenfalls indonesisch-stämmiger Soldat aus Holland, nach Rinteln und dann ins Kalletal. Diese Richtung orientiert sich deutlich eher in Richtung Kuntao und findet sich heute auch im Kalletal beim Shaolin Kempo Hsinshih, ebenfalls im Budo SV Kalletal.

Trainingsinhalte

Aus den traditionellen Bereichen stammen Elemente wie die Schattenformen, Waffenformen und das Kumite mit Partnern. Der Formenlauf wird in Tai-Tsukus und Saifas unterteilt, wobei die Tai-Tsukus eine Eigenart des Lung Chuan Fa sind. In anderen Shaolin Kempo-Stilen gibt es diese Formen nicht. Je höher der Lernende in seinem Streben kommt, desto mehr weiche Elemente und damit deutlich an chinesische Kuen erinnernde Elemente werden in den Formen sichtbar.

Die klassische Bo- (Langstock-) Form erlernt schon der angehende Grüngurt. Später können weitere Waffen in ihrer Beherrschung erlernt werden. Das Kempo fußt ja auf Kampfkunstsystemen aus Okinawa, wo der Waffenkampf, Kobudo genannt, nach wie vor hohe Anerkennung genießt. Im Kalletal werden Bo, Hanbo und Sai gelehrt, dazu kommen die kurzen Escrima-Stöcke.

Kumites sind Partnerformen, in denen festgelegte Angriffe mit ebenso festgelegten Kontern begegnet wird. Dies dient nicht nur der Kräftigung, sondern verinnerlicht Bewegungsabläufe, die später zu einem automatischen Reagieren auch im vermeintlichen Ernstfall oder in sportlichen Wettkämpfen führen sollen. Es wird unterschieden zwischen den 10 Ippon-Kumite und den 50 klassischen Kempo-Kumite, deren Abläufe mit steigendem Wissensstand immer komplexer werden. In den Meistergraden werden hier auch wirklich gefährliche Techniken eingeführt.

Der Selbstverteidigung kommt eine große Bedeutung zu. Hier werden nicht nur wirkungsvolle Hebel und Würfe, Tritte und Schläge gelehrt, sondern auch besonders auf die Verhältnismäßigkeit einer Verteidigung Wert gelegt. Lung Chuan Fa Kempo besitzt ein breites Repertoire an Techniken, um nahezu jeder Situation passend begegnen zu können.

Bodenkampf und Fallschule sind elementare Bestandteile einer Kampfkunst. Während ersteres nicht nur Kraft trainiert und Spaß macht, sondern auch hervorragend zur Selbstverteidigung geeignet ist, kommt der Fallschule auch im täglichen Leben große Bedeutung zu. Der Sturz von Apfelbaum, Leiter, Skateboard, Fahrrad oder Motorrad lässt sich besser kontrollieren, wenn das eingeübte Abrollen automatisch klappt.

Der Freikampf ist nicht nur eine sportliche Herausforderung, sondern schult noch einmal in der freien Bewegung, ob die Technik wirklich sitzt.

So sehe ich das

Für mich persönlich führt Kempo das zusammen, was ich in all den Jahren zuvor mit großem Ehrgeiz und wenig Geschick zu lernen versucht habe.
Würfe, Hebel und Fallen vom Judo. Körperkontakt und überraschende Drehungen, ebenfalls vom Judo.
Waffen- und ganz allgemein Formen, wie sie im Kung Fu und Taekwondo gelehrt werden. Ausgeprägte Handtechniken, die mit steigendem Wissensgrad immer mehr auf die Ursprünge vom Kempo, auf die runden und „großen“ Bewegungen der nördlichen Kung Fu-Stile hinweisen. Und immer noch Point Fighting.
Fußtechniken und Tritte in Hülle und Fülle.
Und dazu immer neue Impressionen von anderen Kampfkünsten und Stilen, für die Kempo offen ist, etwa Escrima, Kyusho oder traditionelle Stile.
Kurzum: Ich fühle mich immer noch wie ein kleiner Junge, der nachts allein in einem Spielwarenladen eingeschlossen ist und manchmal gar nicht weiß, wo er zuerst hin soll in seiner Begeisterung. Ich fürchte, meine Lebenszeit reicht für die Vielfalt, die immer größer wird, je tiefer ich in die Welt der Kampfkunst eintauche, einfach nicht aus …