Interview: Das Fragen hört nie auf

In Ostwestfalen treffen die beiden Hauptstile des Shaolin Kempo zusammen: der eher harte und Karate-ähnliche Stil von Meijers und der weichere Kuntao-Stil von Carel Faulhaber.
Herbert Zielinski ist ein hervorragender und kompetenter Kenner der Kuntao-Matjan-Linie. Im Gespräch verrät das Kempo-Urgestein überraschende Details aus der Frühgeschichte vom Kempo in OWL. Und erweist sich als die erhoffte Quelle zu mehr Verständnis von „rund“.

Steckbrief
Name: Herbert Zielinski
Stil: Shaolin Kempo Hsinshih
Grad: 5. DAN Kempo, 3. DAN Kyusho Jitsu, 1. DAN Kyusho Aiki Jitsu, Reiki Meister
wohnt in: Gütersloh
trainiert: TuS Friedrichsdorf 1900 e.V.

 

Herbert, wann hast Du mit dem Kampfsport angefangen?

Schon als Teenie. Mit 16 habe ich mir eine englischsprachige Loseblattsammlung vom Karate gekauft. Etwas anderes gab es damals gar nicht. Daraus habe ich dann versucht zu üben. Mit 17 Jahren ging es dann unter sportlicher Leitung mit dem Judo los. Dieses Jahr werde ich 70, den Rest müsst Ihr Euch ausrechnen. :-) Damals haben wir in Vlotho gewohnt, trainiert habe ich in Herford. Das habe ich dann bis zu meiner Bundeswehrzeit gemacht. Danach habe ich dann versucht, wieder anzufangen. Aber das Umfeld stimmte da nicht mehr, die Leute empfand ich als komisch. Mit dem Kempo ging es daher erst los, als ich 24 war, da bin ich dann nach Rinteln gefahren.

Du warst in Rinteln aktiv?

Sehr lange sogar. Weiß nur heute kaum noch jemand. Ich war damals einer der Schüler von Ted Verschuur. Ted war wiederum einer der direkten Schüler von Carel Faulhaber, dem eigentlichen Gründer vom Shaolin Kempo. Ted gehörte zum „Ring of Five“, wie seine Meisterschüler noch heute genannt werden. Er nannte seine Interpretation des ursprünglichen Kuntao Matjan von Faulhaber Shaolin Kempo Hsinshih. Tjebbe Laeyendecker war damals Sempai, also „älterer Schüler“. Die beiden waren bei der niederländischen Luftwaffe in einer NATO-Einheit, Ted als Sportlehrer. Meinen 1. DAN habe ich 1976 zusammen mit Andreas Burre in Holland gemacht. Auch kein unbekannter Name im Kalletal …

Der Ring of Five mit (von links) Sifu Rob Faulhaber, Sifu Richard Kudding, Sifu Jimmy Bax, Sifu Ted Verschuur, Sifu E. Lammerts van Bueren.

Der Ring of Five mit (von links) Sifu Rob Faulhaber, Sifu Richard Kudding, Sifu Jimmy Bax, Sifu Ted Verschuur, Sifu E. Lammerts van Bueren.

Andreas hat ein paar Monate eher mit Kempo und Judo begonnen. Mit Judo hörte er aber sehr schnell wieder auf (Judo war die zweite Sportart, die von Ted unterrichtet wurde). Andreas war zu der Zeit so um die 16 Jahre, also eine ganze Ecke jünger als ich. Andreas war ein Draufgänger und hat seinen Sportskameraden schon mal beim Training weh getan. Er war der Ungestüme, harte Typ. Als sich abzeichnete, dass die Holländer uns verlassen werden, wurde ein Nachfolger für die Gruppe gesucht. Da die meisten Schüler weniger Spaß an Andreas‘  hartem Training hatten, fiel die Wahl auf mich, und wir sind dann mit Hochdruck auf die Dan-Prüfung vorbereitet und auch zusammen in Holland geprüft worden.

Ted Verschuur war also Dein erster Kempo-Lehrer?

Genau. In den ersten Jahren bin ich zweigleisig gefahren und habe in den ersten zwei Stunden bei ihm am Judo-Training teilgenommen und anschließend am Kempo-Training. Da aber die Anforderungen mit der Zeit in beiden Sportarten höher wurden, entschied ich mich, nur noch Kempo zu machen. Ted wurde als erster versetzt, und zwar nach Stolzenau/Uchte in Niedersachsen. Einmal pro Woche bin ich mit meinem Trainingspartner und Freund Jürgen Schierholz nach Uchte zu Ted zum Training gefahren, und wir haben ihn beim Aufbau einer neuen Kempo-Gruppe unterstützt. Nach einigen Wochen wurde ich damit betraut, als Sempai die Gruppe zu trainieren. Parallel dazu bereitete Ted uns auf die Jiu Jitsu-Dan-Prüfung vor. Leider wurden wir bei der Prüfung in Holland nicht zugelassen, weil man dort die Meinung vertrat, man müsse erst die Schüler-Grade erworben haben, um anschließend den Dan abzulegen zu können. Und wir hatten ja keine formellen Kyu-Graduierungen abgelegt. Wir hätten zwar den 1. Kyu ablegen können, aber mit dieser Lösung war der liebe Ted nicht einverstanden. Also sind wir unverrichteter Dinge nach Hause gefahren.

Zu der Zeit war Tjebbe noch in Rinteln. Ich erinnere mich, dass er nach rund anderthalb Jahren aber dann auch zurück nach Holland gegangen ist. Es hatte sich in der Zwischenzeit einiges ereignet: Unser Sportskamerad Roland Wieder hatte sich mit seinem Bruder Jürgen und einem seiner Schwager von uns getrennt und in Hohenhausen eine eigene Schule aufgemacht. Das war der Vorgänger vom heutigen Budo SV Kalletal! Übrigens so erfolgreich, dass schnell klar wurde, dass dort ein richtiger „Lehrer“ vonnöten war.

Trainer in Rinteln

Ich übernahm das Training in Rinteln und Andreas Burre einigte sich mit den Hohenhausenern und hat das Kempo-Training dort übernommen. Da er aber meinte, Hsinshih brauche eine Erneuerung, und er sich von uns wohl  unterscheiden wollte, änderte er den Namenszusatz Hsinshih in Hadaka. Er nahm geringfügige Änderungen vor, aber ich würde sagen, es war immer noch Hsinshih. Da sich aber in den Jahren danach eine Reihe verschiedener Trainer mit Hadaka auseinander setzten und jeder meinte, sich mit Abänderungen verewigen zu müssen, hat sich der Stil doch sehr verändert – aus der ursprünglichen weichen und runden Kampfkunst ist immer mehr ein zackiger Karate-ähnlicher Stil geworden.

Ted hatte in den letzten  Jahren in Rinteln schon Probleme mit  dem Oberschenkelmuskel, wo sich ein hühnereigroßes Geschwulst gebildet hatte. Dieses wurde im Krankenhaus zwar entfernt, und die Prognose lautete zur der Zeit „gutartig“, aber leider stellte sich das als Trugschluss heraus, und er verstarb Juni 1981 im Alter von 44 Jahren.
Ted war 3. DAN im Kempo, 2. DAN in Judo und Jiu Jitsu. Nach seinem Tod wurde ihm der 6. DAN verliehen. Auch, um seinen Schülern, allen voran Tjebbe, einen höheren DAN-Grad zu ermöglichen, denn höher als der eigene Meister geht ja nach traditioneller Meinung nicht.

IMG_7437Was sind die Flying Dragons, woher kommt der Name?

Meines Wissens sind die Flying Dragons ein Zusammenschluss von zwei Freunden: Ted Verschurr und Ben Oltmans, ein Karatekünstler aus der Militärzeit in Hameln.

Wie lange warst Du in Rinteln Trainer?

So etwa bis 1979. Wir waren in der Zwischenzeit aufgrund eines Arbeitsstellenwechsels  von Vlotho/Uffeln nach Lemgo/Lieme gezogen. Wegen meines neuen Jobs und Hausbau ist mir Anfang der 80er die Zeit knapp geworden und ich entschloss mich, das Training in Rinteln aufzugeben. Obwohl in Rinteln zu der Zeit schon Braungurte trainierten, hatte keiner die Traute, die Initiative zu übernehmen, um vernünftig weiter zu machen. Es drohte also das Aus der Rintelner Gruppe. Zum Glück übernahm Andreas Burre aus Hohenhausen dann wieder. Daher auch die Verbindung Kalletal – Rinteln. Und da er ja nicht alles alleine machen konnte, übertrug er Jochen Siekmann das Training. Was dieser ja heute noch leitet.IMG_7441

Nach ca einem Jahren hatte ich in Lieme Haus und Arbeit so weit im Griff, dass ich das Angebot eines privaten Fitnessstudios aus Lemgo, bei ihnen als Trainer für Kempo aktiv zu werden, nicht abschlagen konnte. Sie wollten ihr Angebot – außer den gängigen Fitnessangeboten, Judo und der Muckibude – um Karate erweitern. Aber dazu fehlte ein Trainer. Aus dem Karate-Verein Lemgo wollte keiner, und ich war frei. Also kamen sie auf mich zu. Ich war zwar kein Karateka, doch immerhin sah es so ähnlich aus. Parallel dazu trainierte ich noch eine kleine eigene Gruppe im Saal des Liemer Dorfkrugs. Mit dem Sportstudio von Lutz Schweigert ging es allerdings nicht lange gut: Eigentlich war den Kempoka versprochen worden, dass sie auch die Fitness-Geräte mitbenutzen könnten, was dann aber wiederrufen wurde. So gab es Ärger

Bis einer meiner Schüler meinte, wir sollten uns doch trennen und was eigenes machen, das Jugendhaus gegenüber hätte noch Raum frei. Also haben wir den Kempo Club Lemgo e.V. gegründet. Der übrigens, wenn auch nur auf dem Papier, bis letzten Jahres existierte, da habe ich ihn löschen lassen.

IMG_7443In der Lemgo-Zeit warst Du ja ohne Lehrer. Wie bist Du damit umgegangen?

Ich musste mir ja nach dem Tod von Ted Verschuur neue Fixpunkte suchen und habe verschiedene Kempo-Events besucht. Der Name Ted Verschuur hat mir damals einige Türen geöffnet. Gerade in Holland war ich immer gern gesehen, sobald bekannt wurde, dass ich ein Schüler von Ted war. An zwei Nahmen erinnere ich mir besonders gern: an Rene Scharff  und Cor Brugmann. Beide sind Koryphäen der Kampfkünste in Holland.  Bei Cor gefiel mir dessen Verständnis vom Kempo, obwohl er den Meijers-Stil vertrat. Also sind wir  häufig nach Holland getingelt, und seine Schüler haben bei mir ihren Urlaub verbracht, oder die Holländer waren bei uns zu Gast und haben mit uns trainiert, und so konnte ich mich mit ihrem Stil auseinandersetzen. Bei Cor habe ich dann 1981 auch den 2. DAN und 1983 den 3. DAN abgelegt.

Kempo in Lemgo, das kennt heute keiner mehr! Wie ging es dann weiter?

Gar nicht mehr. Mitte der 80er wechselte ich die Arbeitsstelle nach Düsseldorf, wo ich dann sporadisch bei einem Freund Tai Chi versuchte und seine Kung-Fu-Stunden besuchte, die er im Chinesischen Centrum Düsseldorf gab. 1988 zogen wir dann nach Gütersloh. Und mit 40 hatte ich einen Infarkt – damit hatte sich Kempo fürs erste erledigt. Aber ein Kämpfer gibt nicht auf. Ich hab mich aufs Fahrradfahren verlegt, bin zeitweise jeden Tag mindestens 20 Kilometer gefahren. Das führte zum Radwandern und zu Touren von 60 bis 100 Kilometer täglich.

Wie lange dauerte Deine Pause?

Zehn Jahre hab ich an die Aufnahme vom eigenen Kempo-Training nicht gedacht. Obwohl ich zwei junge Männer aus der Nachbarschaft in Kempo unterrichtete, ist mir nicht der Gedanke gekommen, selber wieder aktiv zu werden. Dann kam ein Anruf von einem gewissen Reinhold Weidemann … den Namen hatte ich schon zu meiner Rintelner Zeit mal gehört. Er war mir nach längeren Überlegen als Orange-Gurt in Erinnerung. Reinhold hatte wohl die Aufgabe, Jochens 25jähriges Jubiläum in Rinteln mit zu organisieren. Und er hatte Tjebbe dazu eingeladen, Samstag ein Jubiläums-Seminar abzuhalten. Tjebbe hatte den Wunsch geäußert, ob Reinhold nicht ein Ehemaligen-Treffen in Rinteln organisieren könnte. Was Reinhold dann auch tatsächlich schaffte. Da hat sich die alte Rinteln-Gang, unter anderem mit Andreas Burre, Roland und Jürgen Wieder, Jürgen Schierholz, Ralf Kammel und Tjebbe tatsächlich getroffen. Am folgenden Tag war dann der Lehrgang. Zu dem ich mich hab überreden lassen. Ich wusste gar nicht mehr, wo mein Anzug steckte. Den hat meine Frau aus der tiefsten Versenkung im Keller aufgestöbert. Der sah aus, als hätte ich damit gemauert. Und größenmäßig hatte sich auch einiges geändert. Und so ging es dann wieder los, mit meinem zweiten Kempo-Leben.

Mit welchen Kempo-Größen bist Du heute noch im Austausch? Wie sind Deine Kontakte nach Holland?

Im Austausch stehe ich im Grunde nur mit Tjebbe und seinen Schüler. Dazu müssen wir nach Grave in Holland fahren, wo er seine Schule hat und wo trainiert wird,. Zur Zeit ist Tjebbe gesundheitlich angeschlagen. Und da er anwesend sein möchte, wenn wir da sind, ruhen die Besuche. Zum anderen fahren wir um die 2 Stunden bis nach Grave. Und da nur Donnerstag das Training stattfindet, fahren wir nur dann, wenn Freitags ein Feiertag ist, also ziemlich selten.

Wir sind über die Kempo Associatie Nederland mit den holländischen Kempo-Vereinen verbunden. Da hatten zu Anfang schon mal Lehrgänge  stattgefunden, aber in den letzten Jahren nicht mehr. Im Grunde sind wir zur Zeit nur Beitragszahler. Ich hoffe, das wird sich mal ändern. Ansonsten sind wir bei unserem Seibukan gut aufgehoben.

Kennst Du den in Stammbäumen des holländischen Kempo immer auftauchenden Harry de Spa? Warum stehst Du da nicht dabei?

Ja ich kenne Faulhabers Pentjak Silat Kuntao-Seite und auch den Stammbaum, Harry de Spa ist Holländer und hat schon in der Zeit, wo Ted noch in Holland unterrichtete, mit Harry trainiert. Mir ist zu meiner Zeit Harry nicht bewusst persönlich begegnet. Ich weiß aus Erzählungen, dass er bei Verschuurs gewohnt hat.  In diesem Stammbaum taucht aber auch ein Tjebbe nicht auf oder ein anderer aus unserer Hsinshih-Famili. Es ist ebenso, ich kann damit leben. Wenn ich schon von Kollegen ignoriert werde, die im Prinzip die Schule führen, die ich mal trainiert habe, kann ich auch damit leben, dass mein Name in keiner holländischen Chronik auftaucht.

DSC_0022Genug Geschichte. Was macht Dein eigenes Kempo aus?

Unser Kempo ist rund. Und ich brauche keine Kraft. Ich nehme die Kraft des Angreifers und nutze sie. Das schaffen wir durch verschiedene Techniken, etwa, indem ich ganz dicht an meinen Gegenspieler gehe. So mache ich aus zwei Bewegungsachsen nur noch eine. Die kann ich nämlich viel leichter manipulieren. Jeder, der sich intensiv und lange mit seiner Kampfkunst auseinandersetzt, interpretiert seinen Stil ja auf seine eigene Weise. Und durch meine Herzerkrankung war ich gezwungen, Techniken zu verfeinern und schnell und effektiv zu machen, so dass eine Auseinandersetzung nicht in ein Kräftemessen ausartet, was mich meine Puste kostet.
Ein schönes Kompliment bekam ich eines Tages von Ria Verschuur und Rob Faulhaber, die mich während einer Vorführung sahen. Ria, die Frau von Ted Verschuur, meinte, ich würde mich wie ihr Mann bewegen. Und Rob, einer der Söhne von Carl Faulhaber und Mitglied des Ring of Five, meinte, so hätte es ausgesehen, wenn sein Vater Kuntao gemacht habe. Das hat mich sehr gefreut.

Du bist nicht nur als Authorität im Kempo bekannt, sondern auch durch Dein Kyusho.

Authorität ist übertrieben. Ich bin sicher der älteste Kempoka in Lippe, der noch Kempo  trainiert. Und schon Kempo trainierte, als der eine oder andere noch in Planung war! So würde ich es sehen. Im Laufe der Zeit hat man sich in unterschiedlichsten Kampfkünsten versucht – man könnte es als Erfahrung bezeichnen.

DSC_0034Wie und warum hast Du mit Kyusho begonnen?

Vor 12 bis 13 Jahren hatte ich in einer Karate-Zeitschrift über Kyusho gelesen. Das hatte mein Interesse geweckt und ich wollte mehr darüber erfahre. Zu der Zeit trainierte ich mit meinen Freund Ralf Kammel Kempo. Und wir entschieden uns, mal nach Esbjerg in Dänemark zu fahren. Dort trafen wir auf aufgeschlossene Menschen, die uns so herzlich in Empfang nahmen,  dass wir noch heute gerne hochfahren, um mit ihnen zu trainieren.

Heute zähle ich im Kyusho Dänemark zu den Senior Instructors meines Freundes Karsten Dam, der jedes Jahr aus der Kyusho-Szene Großmeister aus den USA einlädt, mit denen wir trainieren, um unser Wissen zu erweitern. Karsten sagt immer, nur von den Besten können wir lernen. Dazu gehört auf jeden Fall Großmeister Toni Kauhanen, 8. Dan aus Finnland, der seinen Stil Kyusho Aiki Jitsu nennt. Auch bei ihm versuche ich so oft zu trainieren und seine Seminare zu besuchen wie möglich, wenn er in Deutschland ist, um mich weiter zu bilden. Kyusho und das Aiki Jitsu sehe ich als eine Bereicherung meiner Kampfkunst.

Was ist der Unterschied zwischen Kyusho Jitsu und Kyusho Aiki Jitsu?

Im reinen Kyusho setzt man sich in der Hauptsache mit den Nervenpunkten und ihren Anwendungsmöglichkeiten auseinander,. Beim Aiki kommt der Energietransfer noch hinzu – um das Ganze mal grob zu beschreiben.

DSC_0159Welche Ziele verfolgst Du in den nächsten Jahren?
Also zunächst einmal möchte ich noch mindestens 20 Jahre aktiv bleiben. :-) Und dann bin ich natürlich dabei, meine Schüler besser zu machen und ihnen auch zu ermöglichen, den Stil weiterzuführen. Da sind wir auf einem guten Weg, denn ich habe einige wirklich gute Schwarzgurte, die die Gedanken und Ideen zum Kempo Hsinshih zusammen mit mir diskutieren und weiterentwickeln. Ganz wichtig ist mir, und das kann ich nur allen ernsthaften Kampfkünstlern empfehlen, immer offen für neue Gedanken und Erfahrungen zu sein.
Für mich ist das Erlernen einer neuen Stufe im Kempo oder einer neuen Kampfkunst ähnlich wie das Betreten eines großen dunklen Saals. Zu Anfang hat man keine Orientierung und ist verwirrt. Danach beginnt man, Stück für Stück die Grenzen des Raumes und seine Besonderheiten zu erkennen. Und irgendwann bewegt man sich sicher. Bis man an der nächsten Tür zum nächsten Saal steht. Da ist es natürlich wieder duster …
Das hört nie auf. Und man ist immer wieder am zweifeln, ob man selber richtig liegt. Dieses Hinterfragen bleibt Dir erhalten, solange Du Dich ernsthaft weiter in Deiner Kunst übst. Die Suche und die Fragen – das hört nie auf!

DAN – Schwarz ist nicht gleich schwarz

Schwarzer Gürtel – und das war es? Ab jetzt ist man ein „Meister“ oder Sensei?
Nö, so leicht ist das nicht. Im Gegenteil, mit dem 1. DAN fängt der Weg des Budo eigentlich erst richtig an.
DAN GurtDas Graduierungssystem, welches man heutzutage weltweit meist verwendet, ist eine recht neue Erfindung. Eigentlich stammt es von einem Brettspiel ab, nämlich dem japanischen Go. In den alten japanischen Bugei-Künsten, den Vorläufern des Budo, gab es ein Rangsystem, in dem ein Sensei seine jeweiligen Schüler mit Urkunden von 1 bis 5 auszeichnete, je nach Erfolg im Streben um Perfektion. Der höchste Grad war (und ist) der des „Menkyo Kaiden“, Ausdruck der höchsten Meisterschaft und Symbol für den Stilerben, der die Kampfkunst weiterführt.

Das heutige Graduierungssystem mit Schüler- (Kyu-) und DAN-Graden wurde erst vom Gründer des Judo, dem Japaner Jigoro Kano, eingeführt. Im klassischen Karate aus Okinawa gab es zu der Zeit überhaupt keine Graduierungen. Ein Gürtel diente, wenn überhaupt getragen, nur dazu, die Hose am Rutschen zu hindern oder die Jacke zuzubinden.
Erst in den 1920ern führte Gichin Funakoshi das heute bekannte Gurt-System auch in sein Shotokan-Karate ein. Dabei unterscheidet man das klassische Schülersystem (Mudansha) und eben die Stufen, die den Schwarzgurt auszeichnen (Yudansha und Kodansha).

Dan+Grade+BeltsMit dem 1. DAN, dem Shodan, bin ich also gerade erst auf der ersten Stufe des Budo-Schlauwerdens. Im Fachchinesisch, also Japanisch, heißt das „Formschüler“.  Ein Anfänger, ein Grünschnabel, der gerade mal anfängt zu begreifen, wo die Reise überhaupt hingeht. Je nach Auffassung bezeichnet man die ersten drei DAN-Grade auch als „Kampf-Grade“, denn hier müssen die Übenden sich immer weiter perfektionieren in ihrer Technik und Ausführung. In größeren Dojo zählen diese Ränge zu den Sempai-Stufen, also denen der älteren Schüler. Erst mit dem 4. DAN beginnt der wirkliche Weg, das ist der Grad der Initiierung, vom Techniker hin zu den wirklichen Meistergraden.
Und da die Abstände zwischen diesen Rängen nicht nur in Können, sondern auch in Jahren gemessen werden, schaue ich mal lieber nicht nach „oben“, sondern vor meine Füße, um meinen eigenen Weg zu meistern …

Der Vollständigkeit halber hier aber noch einmal alle klassischen DAN-Grade:
1. DAN (Shodan) Formschüler (Kohei)
2. DAN (Nidan)  Formschüler (Kohei)


 

3. DAN (Sandan)  Wegschüler (Sempai)


4. DAN (Yondan)  Techniker (Sempai)


Hier beginnt erst der Übergang vom Yudansha (1. – 4. DAN) zum Kodansha, also den höheren DAN-Graden.Dan_Gürtel

5. DAN (Godan)
6. DAN (Rokkudan) beide Grade beinhalten den Ehrentitel Renshi.
In einigen Stilen kann man sich hier auch mit dem rot-weißen Gurt schmücken.


 

7. DAN (Shichidan)
8. DAN (Hachidan) beide Grade beinhalten den Titel Kyoshi


 

9. DAN (Kudan)
10. DAN (Judan) beide Grade beinhalten den Titel Hanshi

Als obersten Lehrer bezeichnen die japanischen Systeme den Menkyo Kaiden, den Stilbewahrer, der den jeweiligen Kampfkunststil komplett beherrscht und das Erbe des Stils weitergibt.
Den 11. DAN hat bisher nur Jigoro Kano, der Begründer des Judo, verliehen bekommen, und das auch erst nach seinem Tod.

Das gilt aber nur für das klassische japanische System. Andere Stile, andere Sitten: Heutzutage tummeln sich etliche DAN-Träger in den Dojos, die sich mit Schwarzgurt-Graden schmücken, über die die Vertreter der klassischen Linie nur noch die Achseln zucken. Da muss man gar nicht mehr so alt und weise werden, und schwupps hängt ein 10. DAN über der Jacke. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt …

Prüfung zum 1. DAN

DAN_Prüfung01Die Prüfung zum 1. DAN – „Das wurde ja auch mal Zeit“; war der Kommentar meines langjährigen Freundes Peter Mixa. Den Träger des 7. DAN im Wado Ryu Karate kenne ich seit mehr als 20 Jahren. Und schon damals, Peter war bereits hochdekoriert, konnte ich mit ihm nicht nur über Autos, sondern auch über Kampfkunst fachsimpeln.

Es ist geschafft, ich binde in Zukunft meine Jacke mit dem schwarzen Gürtel zu. Momentan noch allerdings mit einem etwas zwielichtigen Gefühl. Und das kommt so:
Eigentlich hab ich mich sehr sicher gefühlt vor der Prüfung. Monatelang habe ich mich vorbereitet, die letzten Wochen nahezu täglich geschwitzt, gedehnt und geübt.
Eigentlich, so dachte ich, hatte ich alle Schwachstellen meines nach wie vor überschaubaren Könnens einigermaßen sicher im Griff. 5 Saifas, 4 Tai Tsukus und die 1. Meisterform saßen sicher. Als Waffenformen hatte ich mir die 2. Bo-Kata und die Sai-Kata ausgesucht. Für die Sai, die sich beim Wirbeln so gern in den Anzugärmeln verhaken, hatte ich extra die Ärmel meines Gi kürzen lassen.
Eigentlich waren alle Partnerübungen, also 10 Techniken und 30 Kumite, unzählige Male geübt.

Normalerweise werden all diese Fähigkeiten und noch einige mehr, etwa Bo-Blockformen oder Selbstverteidigung, in einer Prüfung abverlangt. Entsprechend gespannt war ich, ob meine konditionellen Fähigkeiten für dieses Marathon-Programm reichen würden. Technisch hatte ich alles drauf (dachte ich), und in Sachen Einstellung war auch alles klar (weiß ich).

DAN_Prüfung04Am 20. Juni war es dann soweit: Ich hatte mir gewünscht, dass ich nicht im üblichen Rahmen, also von unseren still-internen Meistern, sondern vor etwas größerer Bühne geprüft würde. Und da in unserem Verband Seibukan die Sommerprüfungen anstanden, lag es nahe, bei der Oberstufen-Prüfung teil zu nehmen. Also versammelten sich neben meinem Trainer Flo auch noch Andreas Brechmann (6.DAN Kempo), Herbert Zielinski (4. DAN Kempo), Sylke Kielon (4. DAN Kempo), Reinhold Weidemann (3. DAN Kempo) und Max Hettmann (2. DAN Kempo) als Prüfergremium. Eine illustre Runde, die nahezu alle Kempo-Stile unserer Region vertrat.

Zusammen mit mir traten acht weitere Prüflinge an, teils zum Braungurt, teils zum 1. oder sogar zum 3. DAN. Der Haken dieser großen Gruppe: Es sollten nur Auszüge aus dem eigentlichen Prüfungsprogramm gezeigt werden. Der Haken für mich: Ich war aufgeregt wie ein Anfänger. Und obwohl ich sonst eigentlich eine ziemlich coole Socke sein kann, legte sich das dieses Mal die Nervosität erst viel später. Erste Wackler hatte ich schon bei den Ippon-Kumite. So richtig in die Büx ging dann die zweite Kata, die ich zeigen sollte, nämlich unsere 5. Saifa. Auf einmal ging gar nichts mehr. Also kurze Pause, danach noch einmal. Das war peinlich … Die ganzen restlichen Formen über begleiteten mich kleine Unsauberkeiten und Wackler, die ich längst ausgemerzt glaubte.
Lockerer wurde ich erst, als mein Trainer Flo, der mich durch die Prüfung lotste, freies Kämpfen verlangte. Dabei kam die Sicherheit wieder, danach lief auch das Selbstverteidigungsprogramm mit meinem Partner Uwe reibungslos. Und als dann auch noch die Bruchtests sauber klappten, war klar, dass ich die Prüfung ziemlich souverän bestehe.

DAN_Prüfung05Doch meinem Ehrgeiz und eigenen Selbstverständnis genügt eine „nur bestandene“ Prüfung eigentlich nicht. Ich bin mir zwar sicher, das ich den 1. DAN zu recht tragen kann und darf, aber so richtig zufrieden bin ich mit der eigenen Leistung eben nicht.
Doch so ist „der Weg“: Immer wieder werden einem neue Aufgaben und Herausforderungen aufgezeigt, teils auch ganz unerwartet. Genau das ist ja das Spannende bei der Beschäftigung mit Kampfkunst: Der eigentliche Kampf findet mit dem eigenen Ich statt.