Interview: Das Fragen hört nie auf

In Ostwestfalen treffen die beiden Hauptstile des Shaolin Kempo zusammen: der eher harte und Karate-ähnliche Stil von Meijers und der weichere Kuntao-Stil von Carel Faulhaber.
Herbert Zielinski ist ein hervorragender und kompetenter Kenner der Kuntao-Matjan-Linie. Im Gespräch verrät das Kempo-Urgestein überraschende Details aus der Frühgeschichte vom Kempo in OWL. Und erweist sich als die erhoffte Quelle zu mehr Verständnis von „rund“.

Steckbrief
Name: Herbert Zielinski
Stil: Shaolin Kempo Hsinshih
Grad: 5. DAN Kempo, 3. DAN Kyusho Jitsu, 1. DAN Kyusho Aiki Jitsu, Reiki Meister
wohnt in: Gütersloh
trainiert: TuS Friedrichsdorf 1900 e.V.

 

Herbert, wann hast Du mit dem Kampfsport angefangen?

Schon als Teenie. Mit 16 habe ich mir eine englischsprachige Loseblattsammlung vom Karate gekauft. Etwas anderes gab es damals gar nicht. Daraus habe ich dann versucht zu üben. Mit 17 Jahren ging es dann unter sportlicher Leitung mit dem Judo los. Dieses Jahr werde ich 70, den Rest müsst Ihr Euch ausrechnen. :-) Damals haben wir in Vlotho gewohnt, trainiert habe ich in Herford. Das habe ich dann bis zu meiner Bundeswehrzeit gemacht. Danach habe ich dann versucht, wieder anzufangen. Aber das Umfeld stimmte da nicht mehr, die Leute empfand ich als komisch. Mit dem Kempo ging es daher erst los, als ich 24 war, da bin ich dann nach Rinteln gefahren.

Du warst in Rinteln aktiv?

Sehr lange sogar. Weiß nur heute kaum noch jemand. Ich war damals einer der Schüler von Ted Verschuur. Ted war wiederum einer der direkten Schüler von Carel Faulhaber, dem eigentlichen Gründer vom Shaolin Kempo. Ted gehörte zum „Ring of Five“, wie seine Meisterschüler noch heute genannt werden. Er nannte seine Interpretation des ursprünglichen Kuntao Matjan von Faulhaber Shaolin Kempo Hsinshih. Tjebbe Laeyendecker war damals Sempai, also „älterer Schüler“. Die beiden waren bei der niederländischen Luftwaffe in einer NATO-Einheit, Ted als Sportlehrer. Meinen 1. DAN habe ich 1976 zusammen mit Andreas Burre in Holland gemacht. Auch kein unbekannter Name im Kalletal …

Der Ring of Five mit (von links) Sifu Rob Faulhaber, Sifu Richard Kudding, Sifu Jimmy Bax, Sifu Ted Verschuur, Sifu E. Lammerts van Bueren.

Der Ring of Five mit (von links) Sifu Rob Faulhaber, Sifu Richard Kudding, Sifu Jimmy Bax, Sifu Ted Verschuur, Sifu E. Lammerts van Bueren.

Andreas hat ein paar Monate eher mit Kempo und Judo begonnen. Mit Judo hörte er aber sehr schnell wieder auf (Judo war die zweite Sportart, die von Ted unterrichtet wurde). Andreas war zu der Zeit so um die 16 Jahre, also eine ganze Ecke jünger als ich. Andreas war ein Draufgänger und hat seinen Sportskameraden schon mal beim Training weh getan. Er war der Ungestüme, harte Typ. Als sich abzeichnete, dass die Holländer uns verlassen werden, wurde ein Nachfolger für die Gruppe gesucht. Da die meisten Schüler weniger Spaß an Andreas‘  hartem Training hatten, fiel die Wahl auf mich, und wir sind dann mit Hochdruck auf die Dan-Prüfung vorbereitet und auch zusammen in Holland geprüft worden.

Ted Verschuur war also Dein erster Kempo-Lehrer?

Genau. In den ersten Jahren bin ich zweigleisig gefahren und habe in den ersten zwei Stunden bei ihm am Judo-Training teilgenommen und anschließend am Kempo-Training. Da aber die Anforderungen mit der Zeit in beiden Sportarten höher wurden, entschied ich mich, nur noch Kempo zu machen. Ted wurde als erster versetzt, und zwar nach Stolzenau/Uchte in Niedersachsen. Einmal pro Woche bin ich mit meinem Trainingspartner und Freund Jürgen Schierholz nach Uchte zu Ted zum Training gefahren, und wir haben ihn beim Aufbau einer neuen Kempo-Gruppe unterstützt. Nach einigen Wochen wurde ich damit betraut, als Sempai die Gruppe zu trainieren. Parallel dazu bereitete Ted uns auf die Jiu Jitsu-Dan-Prüfung vor. Leider wurden wir bei der Prüfung in Holland nicht zugelassen, weil man dort die Meinung vertrat, man müsse erst die Schüler-Grade erworben haben, um anschließend den Dan abzulegen zu können. Und wir hatten ja keine formellen Kyu-Graduierungen abgelegt. Wir hätten zwar den 1. Kyu ablegen können, aber mit dieser Lösung war der liebe Ted nicht einverstanden. Also sind wir unverrichteter Dinge nach Hause gefahren.

Zu der Zeit war Tjebbe noch in Rinteln. Ich erinnere mich, dass er nach rund anderthalb Jahren aber dann auch zurück nach Holland gegangen ist. Es hatte sich in der Zwischenzeit einiges ereignet: Unser Sportskamerad Roland Wieder hatte sich mit seinem Bruder Jürgen und einem seiner Schwager von uns getrennt und in Hohenhausen eine eigene Schule aufgemacht. Das war der Vorgänger vom heutigen Budo SV Kalletal! Übrigens so erfolgreich, dass schnell klar wurde, dass dort ein richtiger „Lehrer“ vonnöten war.

Trainer in Rinteln

Ich übernahm das Training in Rinteln und Andreas Burre einigte sich mit den Hohenhausenern und hat das Kempo-Training dort übernommen. Da er aber meinte, Hsinshih brauche eine Erneuerung, und er sich von uns wohl  unterscheiden wollte, änderte er den Namenszusatz Hsinshih in Hadaka. Er nahm geringfügige Änderungen vor, aber ich würde sagen, es war immer noch Hsinshih. Da sich aber in den Jahren danach eine Reihe verschiedener Trainer mit Hadaka auseinander setzten und jeder meinte, sich mit Abänderungen verewigen zu müssen, hat sich der Stil doch sehr verändert – aus der ursprünglichen weichen und runden Kampfkunst ist immer mehr ein zackiger Karate-ähnlicher Stil geworden.

Ted hatte in den letzten  Jahren in Rinteln schon Probleme mit  dem Oberschenkelmuskel, wo sich ein hühnereigroßes Geschwulst gebildet hatte. Dieses wurde im Krankenhaus zwar entfernt, und die Prognose lautete zur der Zeit „gutartig“, aber leider stellte sich das als Trugschluss heraus, und er verstarb Juni 1981 im Alter von 44 Jahren.
Ted war 3. DAN im Kempo, 2. DAN in Judo und Jiu Jitsu. Nach seinem Tod wurde ihm der 6. DAN verliehen. Auch, um seinen Schülern, allen voran Tjebbe, einen höheren DAN-Grad zu ermöglichen, denn höher als der eigene Meister geht ja nach traditioneller Meinung nicht.

IMG_7437Was sind die Flying Dragons, woher kommt der Name?

Meines Wissens sind die Flying Dragons ein Zusammenschluss von zwei Freunden: Ted Verschurr und Ben Oltmans, ein Karatekünstler aus der Militärzeit in Hameln.

Wie lange warst Du in Rinteln Trainer?

So etwa bis 1979. Wir waren in der Zwischenzeit aufgrund eines Arbeitsstellenwechsels  von Vlotho/Uffeln nach Lemgo/Lieme gezogen. Wegen meines neuen Jobs und Hausbau ist mir Anfang der 80er die Zeit knapp geworden und ich entschloss mich, das Training in Rinteln aufzugeben. Obwohl in Rinteln zu der Zeit schon Braungurte trainierten, hatte keiner die Traute, die Initiative zu übernehmen, um vernünftig weiter zu machen. Es drohte also das Aus der Rintelner Gruppe. Zum Glück übernahm Andreas Burre aus Hohenhausen dann wieder. Daher auch die Verbindung Kalletal – Rinteln. Und da er ja nicht alles alleine machen konnte, übertrug er Jochen Siekmann das Training. Was dieser ja heute noch leitet.IMG_7441

Nach ca einem Jahren hatte ich in Lieme Haus und Arbeit so weit im Griff, dass ich das Angebot eines privaten Fitnessstudios aus Lemgo, bei ihnen als Trainer für Kempo aktiv zu werden, nicht abschlagen konnte. Sie wollten ihr Angebot – außer den gängigen Fitnessangeboten, Judo und der Muckibude – um Karate erweitern. Aber dazu fehlte ein Trainer. Aus dem Karate-Verein Lemgo wollte keiner, und ich war frei. Also kamen sie auf mich zu. Ich war zwar kein Karateka, doch immerhin sah es so ähnlich aus. Parallel dazu trainierte ich noch eine kleine eigene Gruppe im Saal des Liemer Dorfkrugs. Mit dem Sportstudio von Lutz Schweigert ging es allerdings nicht lange gut: Eigentlich war den Kempoka versprochen worden, dass sie auch die Fitness-Geräte mitbenutzen könnten, was dann aber wiederrufen wurde. So gab es Ärger

Bis einer meiner Schüler meinte, wir sollten uns doch trennen und was eigenes machen, das Jugendhaus gegenüber hätte noch Raum frei. Also haben wir den Kempo Club Lemgo e.V. gegründet. Der übrigens, wenn auch nur auf dem Papier, bis letzten Jahres existierte, da habe ich ihn löschen lassen.

IMG_7443In der Lemgo-Zeit warst Du ja ohne Lehrer. Wie bist Du damit umgegangen?

Ich musste mir ja nach dem Tod von Ted Verschuur neue Fixpunkte suchen und habe verschiedene Kempo-Events besucht. Der Name Ted Verschuur hat mir damals einige Türen geöffnet. Gerade in Holland war ich immer gern gesehen, sobald bekannt wurde, dass ich ein Schüler von Ted war. An zwei Nahmen erinnere ich mir besonders gern: an Rene Scharff  und Cor Brugmann. Beide sind Koryphäen der Kampfkünste in Holland.  Bei Cor gefiel mir dessen Verständnis vom Kempo, obwohl er den Meijers-Stil vertrat. Also sind wir  häufig nach Holland getingelt, und seine Schüler haben bei mir ihren Urlaub verbracht, oder die Holländer waren bei uns zu Gast und haben mit uns trainiert, und so konnte ich mich mit ihrem Stil auseinandersetzen. Bei Cor habe ich dann 1981 auch den 2. DAN und 1983 den 3. DAN abgelegt.

Kempo in Lemgo, das kennt heute keiner mehr! Wie ging es dann weiter?

Gar nicht mehr. Mitte der 80er wechselte ich die Arbeitsstelle nach Düsseldorf, wo ich dann sporadisch bei einem Freund Tai Chi versuchte und seine Kung-Fu-Stunden besuchte, die er im Chinesischen Centrum Düsseldorf gab. 1988 zogen wir dann nach Gütersloh. Und mit 40 hatte ich einen Infarkt – damit hatte sich Kempo fürs erste erledigt. Aber ein Kämpfer gibt nicht auf. Ich hab mich aufs Fahrradfahren verlegt, bin zeitweise jeden Tag mindestens 20 Kilometer gefahren. Das führte zum Radwandern und zu Touren von 60 bis 100 Kilometer täglich.

Wie lange dauerte Deine Pause?

Zehn Jahre hab ich an die Aufnahme vom eigenen Kempo-Training nicht gedacht. Obwohl ich zwei junge Männer aus der Nachbarschaft in Kempo unterrichtete, ist mir nicht der Gedanke gekommen, selber wieder aktiv zu werden. Dann kam ein Anruf von einem gewissen Reinhold Weidemann … den Namen hatte ich schon zu meiner Rintelner Zeit mal gehört. Er war mir nach längeren Überlegen als Orange-Gurt in Erinnerung. Reinhold hatte wohl die Aufgabe, Jochens 25jähriges Jubiläum in Rinteln mit zu organisieren. Und er hatte Tjebbe dazu eingeladen, Samstag ein Jubiläums-Seminar abzuhalten. Tjebbe hatte den Wunsch geäußert, ob Reinhold nicht ein Ehemaligen-Treffen in Rinteln organisieren könnte. Was Reinhold dann auch tatsächlich schaffte. Da hat sich die alte Rinteln-Gang, unter anderem mit Andreas Burre, Roland und Jürgen Wieder, Jürgen Schierholz, Ralf Kammel und Tjebbe tatsächlich getroffen. Am folgenden Tag war dann der Lehrgang. Zu dem ich mich hab überreden lassen. Ich wusste gar nicht mehr, wo mein Anzug steckte. Den hat meine Frau aus der tiefsten Versenkung im Keller aufgestöbert. Der sah aus, als hätte ich damit gemauert. Und größenmäßig hatte sich auch einiges geändert. Und so ging es dann wieder los, mit meinem zweiten Kempo-Leben.

Mit welchen Kempo-Größen bist Du heute noch im Austausch? Wie sind Deine Kontakte nach Holland?

Im Austausch stehe ich im Grunde nur mit Tjebbe und seinen Schüler. Dazu müssen wir nach Grave in Holland fahren, wo er seine Schule hat und wo trainiert wird,. Zur Zeit ist Tjebbe gesundheitlich angeschlagen. Und da er anwesend sein möchte, wenn wir da sind, ruhen die Besuche. Zum anderen fahren wir um die 2 Stunden bis nach Grave. Und da nur Donnerstag das Training stattfindet, fahren wir nur dann, wenn Freitags ein Feiertag ist, also ziemlich selten.

Wir sind über die Kempo Associatie Nederland mit den holländischen Kempo-Vereinen verbunden. Da hatten zu Anfang schon mal Lehrgänge  stattgefunden, aber in den letzten Jahren nicht mehr. Im Grunde sind wir zur Zeit nur Beitragszahler. Ich hoffe, das wird sich mal ändern. Ansonsten sind wir bei unserem Seibukan gut aufgehoben.

Kennst Du den in Stammbäumen des holländischen Kempo immer auftauchenden Harry de Spa? Warum stehst Du da nicht dabei?

Ja ich kenne Faulhabers Pentjak Silat Kuntao-Seite und auch den Stammbaum, Harry de Spa ist Holländer und hat schon in der Zeit, wo Ted noch in Holland unterrichtete, mit Harry trainiert. Mir ist zu meiner Zeit Harry nicht bewusst persönlich begegnet. Ich weiß aus Erzählungen, dass er bei Verschuurs gewohnt hat.  In diesem Stammbaum taucht aber auch ein Tjebbe nicht auf oder ein anderer aus unserer Hsinshih-Famili. Es ist ebenso, ich kann damit leben. Wenn ich schon von Kollegen ignoriert werde, die im Prinzip die Schule führen, die ich mal trainiert habe, kann ich auch damit leben, dass mein Name in keiner holländischen Chronik auftaucht.

DSC_0022Genug Geschichte. Was macht Dein eigenes Kempo aus?

Unser Kempo ist rund. Und ich brauche keine Kraft. Ich nehme die Kraft des Angreifers und nutze sie. Das schaffen wir durch verschiedene Techniken, etwa, indem ich ganz dicht an meinen Gegenspieler gehe. So mache ich aus zwei Bewegungsachsen nur noch eine. Die kann ich nämlich viel leichter manipulieren. Jeder, der sich intensiv und lange mit seiner Kampfkunst auseinandersetzt, interpretiert seinen Stil ja auf seine eigene Weise. Und durch meine Herzerkrankung war ich gezwungen, Techniken zu verfeinern und schnell und effektiv zu machen, so dass eine Auseinandersetzung nicht in ein Kräftemessen ausartet, was mich meine Puste kostet.
Ein schönes Kompliment bekam ich eines Tages von Ria Verschuur und Rob Faulhaber, die mich während einer Vorführung sahen. Ria, die Frau von Ted Verschuur, meinte, ich würde mich wie ihr Mann bewegen. Und Rob, einer der Söhne von Carl Faulhaber und Mitglied des Ring of Five, meinte, so hätte es ausgesehen, wenn sein Vater Kuntao gemacht habe. Das hat mich sehr gefreut.

Du bist nicht nur als Authorität im Kempo bekannt, sondern auch durch Dein Kyusho.

Authorität ist übertrieben. Ich bin sicher der älteste Kempoka in Lippe, der noch Kempo  trainiert. Und schon Kempo trainierte, als der eine oder andere noch in Planung war! So würde ich es sehen. Im Laufe der Zeit hat man sich in unterschiedlichsten Kampfkünsten versucht – man könnte es als Erfahrung bezeichnen.

DSC_0034Wie und warum hast Du mit Kyusho begonnen?

Vor 12 bis 13 Jahren hatte ich in einer Karate-Zeitschrift über Kyusho gelesen. Das hatte mein Interesse geweckt und ich wollte mehr darüber erfahre. Zu der Zeit trainierte ich mit meinen Freund Ralf Kammel Kempo. Und wir entschieden uns, mal nach Esbjerg in Dänemark zu fahren. Dort trafen wir auf aufgeschlossene Menschen, die uns so herzlich in Empfang nahmen,  dass wir noch heute gerne hochfahren, um mit ihnen zu trainieren.

Heute zähle ich im Kyusho Dänemark zu den Senior Instructors meines Freundes Karsten Dam, der jedes Jahr aus der Kyusho-Szene Großmeister aus den USA einlädt, mit denen wir trainieren, um unser Wissen zu erweitern. Karsten sagt immer, nur von den Besten können wir lernen. Dazu gehört auf jeden Fall Großmeister Toni Kauhanen, 8. Dan aus Finnland, der seinen Stil Kyusho Aiki Jitsu nennt. Auch bei ihm versuche ich so oft zu trainieren und seine Seminare zu besuchen wie möglich, wenn er in Deutschland ist, um mich weiter zu bilden. Kyusho und das Aiki Jitsu sehe ich als eine Bereicherung meiner Kampfkunst.

Was ist der Unterschied zwischen Kyusho Jitsu und Kyusho Aiki Jitsu?

Im reinen Kyusho setzt man sich in der Hauptsache mit den Nervenpunkten und ihren Anwendungsmöglichkeiten auseinander,. Beim Aiki kommt der Energietransfer noch hinzu – um das Ganze mal grob zu beschreiben.

DSC_0159Welche Ziele verfolgst Du in den nächsten Jahren?
Also zunächst einmal möchte ich noch mindestens 20 Jahre aktiv bleiben. :-) Und dann bin ich natürlich dabei, meine Schüler besser zu machen und ihnen auch zu ermöglichen, den Stil weiterzuführen. Da sind wir auf einem guten Weg, denn ich habe einige wirklich gute Schwarzgurte, die die Gedanken und Ideen zum Kempo Hsinshih zusammen mit mir diskutieren und weiterentwickeln. Ganz wichtig ist mir, und das kann ich nur allen ernsthaften Kampfkünstlern empfehlen, immer offen für neue Gedanken und Erfahrungen zu sein.
Für mich ist das Erlernen einer neuen Stufe im Kempo oder einer neuen Kampfkunst ähnlich wie das Betreten eines großen dunklen Saals. Zu Anfang hat man keine Orientierung und ist verwirrt. Danach beginnt man, Stück für Stück die Grenzen des Raumes und seine Besonderheiten zu erkennen. Und irgendwann bewegt man sich sicher. Bis man an der nächsten Tür zum nächsten Saal steht. Da ist es natürlich wieder duster …
Das hört nie auf. Und man ist immer wieder am zweifeln, ob man selber richtig liegt. Dieses Hinterfragen bleibt Dir erhalten, solange Du Dich ernsthaft weiter in Deiner Kunst übst. Die Suche und die Fragen – das hört nie auf!

Interview: 24/7 für die Kampfkunst

Ich bin ein Glückspilz. Denn ich hab es mir einfach gemacht. Ich bin auf der Suche nach den Ursprüngen meines Kempo zunächst zu meinem Lehrer Witalli Reingard gegangen und habe mit ihm trainiert und ihn befragt. Und mit Nikolas Sandrock habe ich den nächsten Lehrer gefunden, der ein tiefes Verständnis vom Kempo hat. Auch mit ihm darf ich trainieren. Und aufgrund meiner chronischen Neugier hab ich ihn natürlich auch mit Fragen gelöchert. Mit welchen, verrate ich hier:

Niki 07
Steckbrief

Name: Nikolas Sandrock
Stil: Silat Suffian Bela Diri
Grad: 2. DAN Kempo, aber eigentlich sind Niki DAN-Grade egal
wohnt in: Asendorf (Kalletal)
trainiert: u.a. in der Faustwerkstatt Detmold, auf Seminaren, im privaten Dojo

Wann und wie begann Deine Laufbahn als Kampfsportler?

Mit 6 Jahren, 1983 Judo beim Budo SV Kalletal.

Welches waren Deine Trainer, welche Einflüsse haben Dich geprägt?

Das sind in 32 Jahren eine Menge Trainer gewesen, aber meine Meister sind Marc Richards vom Dragon Fist Kempo und Maul Mornie, Silat Suffian Bela Diri.
Marc hab ich etwa 1990 kennengelernt, bis dahin hatte ich mich mit Judo, Shotokan und Hadaka Kempo beschäftigt. Er zeigte mir Kempo, das hart und effektiv ist und führte mich auch an die anderen Seiten der Kampfkünste (KK) heran. Ich durfte ihn besuchen und an seinem Leben teilnehmen und erfahren, wie er die KK in seinen Alltag integrierte. Er lehrte mich zu trainieren und meine körperlichen Grenzen zu erfahren und zu überschreiten. In stundenlangen Gesprächen erläuterte er mir die Werte der Kampfkunst und brachte mir bei, zu reflektieren, zu analysieren und an Körper und Geist zu feilen und zu optimieren. Über Jahre verbrachte ich fast jeden Tag mit und bei ihm – Training, Wettkämpfe, Lehrgänge, Training. Ab meinem 16. Lebensjahr durfte ich ihn beim Unterrichten unterstützen.Das war wohl die prägendste Phase meines Lebens.

ssbd lock3Unter Maul zu trainieren ist etwas ganz anderes. Marc’s Unterricht basierte auf Bewegung, tagelangem Austrainieren.  Maul lehrt Prinzipien. Er gibt Wissen komprimiert weiter. Ein Wochenende mit Maul ist wie ein Jahr Training in einem Verein. Maul hat mein Verständnis von Technik und Taktik massiv erweitert. Auch hat sein Humor und seine lockere Art meine eigene Art zu unterrichten verändert.
In den verschiedenen Phasen meines Lebens habe ich mich mit den verschieden Seiten der KK beschäftigt, mit der SV, Technik und Taktik, der Bewegung und Darstellung, mit Spiritualität und Philosophie, mit Energie und Gesundheit. Für jeden dieser Aspekte hatte und habe ich Lehrer, jeder von ihnen hat mich und meine KK mitgeprägt und jedem von ihnen bin ich unglaublich dankbar.

Wie hast Du Dein Kempo weiterentwickelt, nachdem Du die Gruppe um Marc verlassen hast? Was hast Du verändert, was ergänzt? Und was „fehlt“ oder fehlte dem Kempo, was vermisst Du?

Ich habe mir damals viel Zeit genommen, alles Erlernte auseinander zu nehmen und zu verstehen. Zunächst wollte ich mehr wissen über die im Kempo verborgene spirituelle Symbolik und deren Wirkungsweise. Dazu habe ich alte buddhistische, hinduistische und taoistische Lehren und Techniken studiert und mich mit Yoga, Taiji, Hsing Yi, Kyusho Jitsu und Bagua beschäftigt. Im Kempo ist vieles angelegt, aber nichts wirklich ausgeführt. Das ist nicht unbedingt schlecht. Wie ein Wald voller Geschenke, und jeder findet nur die, die für ihn bestimmt sind und entpackt sie – oder auch nicht.

Später habe ich versucht, die technische Seite des Kempo aufzuschlüsseln. Das Hauptproblem ist die Fülle der Bewegungen. Selbstverteidigung muss schlicht sein, damit sie unter Stress funktioniert. Also habe ich mich in unseren Formen und Techniken auf die Suche gemacht nach Prinzipien, also wenige, einfache Bewegungsmuster, die sich auf viele unterschiedliche Angriffe anwenden lassen. Ich habe sie gefunden und bald darauf entdeckt, dass andere Stile bereits mit ähnlichen Prinzipien arbeiten. Also habe ich mich mit philippinischen Kampfkünsten (FMA) auseinander gesetzt.

Zu deiner Frage: Ich habe nichts ergänzt, sondern die Prinzipien, die eh schon vorhanden waren, extrahiert und Übungsmethoden dafür entwickelt und dafür gesorgt, das die Symbolik des Stiles in den meditativen Übungen eine Ordnung erhält, so dass es den Schülern leichter fällt, sie zu finden, wenn sie dazu bereit sind.

Gibt es Nachfolger in Deinem Stil?

Jeder ist der Nachfolger, und es ist nicht mein Stil. Es ist das Lung Chuan Fa, Dragon Fist Kempo. Marc hat das Wissen gesammelt und sortiert, ich hab von ihm gelernt und es nach bestem Wissen weitergegeben. Jeder Lehrer versteht die Kampfkunst anders und verändert die Unterrichtsmethodik nach seinem Verständnis. Das ist kein neuer Stil. Man kann es auch andersherum sagen: Jeder kreiert seinen Stil, anhand seines körperlichen und geistigen Potentials. Wenn wir zwei je 15 Jahre den gleichen Stil trainieren, kommt am Ende etwas anderes dabei heraus.  Nochmehr, wenn wir unterschiedliche Stile trainiert haben. In dem Moment, in dem wir uns intuitiv bewegen, ist das, was dann zu sehen ist, unsere eigene Kampfkunst. Deswegen halte ich nicht so viel von Stilen und Traditionslinien – jeder klaut bei jedem, und das ist vollkommen in Ordnung, man nennt das Entwicklung.

Nikolas 01Wie bist Du zum Silat gekommen? Die Silat-Gemeinschaft scheint eng vernetzt und etwas anders strukturiert als „normale“ Kampfkünste.

Über youtube. Ich hab Maul’s Videos 2008 entdeckt und mir jeden Tag angesehen und all meine Freunde damit genervt. Die Parallelen zum Kempo sind offensichtlich, die Arbeit mit den Prinzipien noch klarer als im FMA. Im Sommer 2009 bin ich mit meinem Trainingspartner nach Wiesbaden gefahren, um ein Seminar mitzumachen. Neben den unglaublichen Fähigkeiten, die Maul als Kampfkünstler hat, gefiel uns vor allem der freundliche, konkurrenzfreie Umgang in der Gemeinschaft. Keine Politik, keine Gürtel, keine Hierarchie – nur Kampfkunst. Also sind wir geblieben.

Was sind Deine nächsten Ziele?

Meine persönlichen Ziele in der Kampfkunst (hm) … Erstmal gibt es für mich noch so viel gesammeltes Wissen auszutrainieren. Ich freue mich darauf, mit meiner kleinen Gruppe immer tiefer einzutauchen und unsere Fähigkeiten zu optimieren. Trainieren halt! Sollte es noch mehr geben für einen Kampfkünstler?
Mein Ziel für die Faustwerkstatt ist weiterhin Seminararbeit. Wir wollen uns weiter etablieren im Bereich Selbstverteidigung/Selbstbehauptung und der Schulung von SV-Instruktoren. Dazu arbeiten wir mit verschiedenen Schulen, Trägern und Einrichtungen in den unterschiedlichsten Bereichen, und das bisher mit durchschlagendem Erfolg.

Du warst oder bist ein echter Profi, hast als „Professional“ von Deiner Kampfkunst gelebt. Wie vereinbarst Du heute Beruf und Familie mit Deiner ziemlich zeitraubenden Leidenschaft Kampfkunst?

Ich habe zwei Jobs: Zum einen die Faustwerkstatt, und zum anderen die Zimmerei. Solange meine drei Töchter noch klein sind, will ich soviel Zeit wie möglich mit ihnen verbringen. Das ist bei regulärem Kursbetrieb der Faustwerkstatt (täglich 15-22 Uhr) nicht möglich gewesen. Daher der Rückzug der Faustwerkstatt in den Bereich Seminare. Mein Dojo habe ich jetzt in meinem eigenen Haus, so können die Kinder notfalls beim Training dabei sein. Meine Familie kennt meine Leidenschaft und weiß, dass bei mir 24 Stunden Kampfkunst im Kopf ist. Und sie räumt mir zum Glück regelmäßig Zeit ein für Training und Fortbildung und bringt eine Menge Geduld auf, wenn Papa mal wieder nicht ansprechbar ist, weil er von Techniken träumt …

Interview: Der Meister der Vielfalt

Es gibt kaum eine Persönlichkeit, die das Kempo Karate in Ostwestfalen in den letzten Jahren so geprägt hat wie Andreas Brechmann. Im Interview verrät der 6. DAN, wie er zum Kempo gekommen ist, warum Shotokan für ihn keine Alternative und seine Schulter für den 55-Jährigen momentan sein wichtigster Gegner ist.

Andreas Brechmann 11
Steckbrief

Name: Andreas Brechmann
Stil: Shaolin Kempo Karate
Grad: 6. DAN Kempo, 4. DAN Kobudo, 3. DAN Jiu-Jitsu, 2. DAN Hapkido, 1. DAN Goju Ryu, 1. DAN F.I.S.T.
wohnt in: Leopoldshöhe
trainiert: S.u.S Lage, BSV OWL, Friedlicher Drache eV Löhne Gohfeld

Andreas, wann und wie begann Deine Laufbahn als Kampfsportler?

Von der Veranlagung her war ich gar keine Sportskanone. Ich konnte nicht schnell laufen, und Fußball lag mir auch nicht. In meiner Jugend und der Gegend hier denkbar schlecht, denn wo waren Jungs im Verein? Na klar, beim Fußball! Also war systematischer Sport anfangs Fehlanzeige. Erst mit 25 Jahren hab ich hier in Leopoldshöhe-Asemissen mit dem Training begonnen. Vorausgegangen war ein Karate-Lehrgang bei der Volkshochschule, der von Heinz Gerd Joeken angeboten wurde. Als dieser dann mal nicht stattfand suchte ich, damals Orangegurt 7.Kyu, die Umgebung nach Alternativen ab und landete schließlich sporadisch beim Karateclub Samurai in Heepen, das war 1987. Da ging für mich eine sportliche Welt auf. So sehr, dass wir aus dieser VHS-Gruppe den Kontakt zum TuS Leopoldshöhe suchten und uns, Kempo-Karate, erstmalig am 4. Juni 1989 auf der Sportwerbewoche dieses Vereins vorstellten. Ab September gab es die ersten Trainingszeiten der „Karate-Abteilung“ des TuS Leopoldshöhe, wo mir am ersten Abend von Heinz Gerd mitgeteilt wurde: „Andreas, DU machst das jetzt weiter, ich bin jetzt Volleyballtrainer, ich muß mit dem Sport Geld verdienen!“ Und dann, dann ging es so richtig los …

Andreas Brechmann 09Welches waren Deine ersten Trainer, welche Einflüsse haben Dich geprägt?

Ganz klar Heinz Gerd Joeken und seine Art, mich und andere zu begeistern. Und mit ihm seine Version des Shaolin Kempo, welche Heinz Gerd von Willi Heuvens aus Kleve gelernt hat. Der wiederum trainierte direkt bei Hermann Scholz, welcher selbst Schüler von Gerard Karel Meijers war. Die Wurzeln „meines“ Kempo liegen also in der Meijers-Linie.
Dann trat ein weiterer Budo Sportler in meinen Weg: Im Juni 1990 referierte der Träger des 4. DAN Jiu-Jitsu, 2. DAN Shotokan, 1. DAN Judo und 1. DAN Taekwondo bei uns einen Grundschulaufbaulehrgang. Klaus Silbernagel aus Stukenbrock prägte ebenfalls meine Laufbahn, denn er war es, der forderte: „Schaut über den Tellerrand, es gibt soooo viel Budo-Vielfalt. Aber denkt daran – beurteilt werdet ihr immer nach eurer Grundschule!“
Dazu kamen dann sehr schnell weitere Kampfsportarten wie Jiu Jitsu, F.I.S.T., Taekwondo, Arnis und verschiedene Kobudo-Waffen. In einigen bin ich heute ebenfalls DAN-graduiert. Ich hab sogar einen gelben Gürtel im Shotokan (grinst)! Ich hab übrigens erst nach einiger Zeit erfahren, dass es überhaupt unterschiedliche Karate-Stile gibt. Für mich gab es nur Kempo, und das war eben DAS Karate. Nach sechs Jahren und vielen vielen Trainings hatte ich dann den 1.DAN.

Lieblingstechnik? Lieblingswaffe?

Gerade- und gedrehte Kicks und Mawashi Geri mit Kontakt auf den Schultern … und den Tzuki, den man nur einmal schlagen braucht. Bei den Waffen ist es einfach: Tonfa, eine oder auch beidhändig, genau wie den Nunchaku.

Andreas Brechmann 03Zu einem anständigen Training …

… gibt es keine Regel, je nach Gruppe ansprechend zum auspowern, hart, technikbetont oder auch spielerisch. Für mich ist wichtig zu merken „da kommt was rüber“. Für mich ist Kampfsport allgemein ideal: Ich kann trainieren, wie ich will – ob allein, mit einem Partner oder in einer Gruppe.

Du bist seitdem scheinbar unermüdlich in Sachen Kempo und seiner Verbreitung aktiv. Und schon lange nicht mehr „nur“ als Sportler … 

Stimmt, das begleitet mich eigentlich fast meine gesamte Kampfkunst-Laufbahn. Ich habe 1994 den BSV OWL mit gegründet, bin seit 1996 Trainer beim „Friedlichen Drachen“ in Löhne-Gehfeld und ab 1998  Trainer im SuS Lage. Ach ja, sagt man heute Sensei gleich Lehrer, so hat mich eine der früheren Übersetzungen mehr fasziniert: Seinerzeit bezeichnete man seinen Sensei auch als „väterlichen Freund“. So habe ich meine Verbindung zu Jörg Schütz empfunden, den Begründer des Seibukan. Von mir selber würde ich sagen, dass ich eigentlich immer der „Kindertrainer“ bin. Kindern an etwas Freude und Spaß zu vermitteln, gleichzeitig eine Selbstsicherheit zu geben, damit die sich hinzustellen und sagen „HIER BIN ICH!“, das ist mir nach wie vor Motivation.Andreas Brechmann 02

Was unterscheidet Kempo Deiner Ansicht nach vom Shotokan Karate?

Da muss ich nicht lange überlegen. Beim Shotokan gibt es nur eine richtige Technik, die ist gleich von Kiel bis nach Koblenz oder Tokio bis Teheran. Alles gleich, alles genormt. Beim Kempo bin ich viel freier. Da kann ich auch mal Techniken abwandeln. Ich muss nur begründen, warum ich das mache, und die Erklärung muss sinnvoll sein, dann ist das okay. Das macht für mich den großen Unterschied aus.
Kempo kann jeder! Wichtig ist mir nur, dass er seine Leistung kontinuierlich steigert.
Es ist abzuwägen, bei wem diese Grenze wo verläuft. Das kann bei manchen bereits beim Orangengurt sein. Oder es gibt vielleicht einige, welche doch einen Schwarzgurt anstreben. Grenzen sind dazu da überwunden zu werden, ein Ziel zu erreichen, sich selbst zu motivieren. Und wer das schafft, hat auch einen Erfolg in Form einer höheren Graduierung verdient.

Es ist also nicht wichtig, dass ein Stil möglichst „original“ vom Meister auf den Schüler weitergegeben wird? Ist dies nicht bedenklich, da hierdurch doch auch Techniken verloren gehen können, die ein Schüler nur durch Nichtverständnis glaubt, einfach weglassen und dadurch „seinen“ Stil verbessern zu können?

Die Veränderung muss sinnvoll und nachvollziehbar sein, dann ist sie für mich okay. Unser aller Stilbegründer Meijers war jeden Tag in der Woche ein anderer Lehrer, je nach Tagesform hat er hier mal hohe Stände, dort mal tiefe Tritte gelehrt. Der war schon vielfältig in seinem Tun. Und alle seine Schüler haben nicht nur bei ihm gelernt, sondern das Erlernte dann auch selber weiter interpretiert. Hier in Ostwestfalen kamen dann wieder andere Einflüsse, einige von den Holländern um Faulhaber, andere durch auch heute noch bekannte Größen vor Ort. So etwa Wolfgang Wiechers, welcher seinerzeit als Träger des 1.Kyu Braungurt Shotokan mit dem Kempo im TV Blomberg begann und heute das Dojo leitet. Oder Marc Richards, der davor einen Kung Fu-Stil gelernt hat. Alle haben ihre Erfahrungen mitgebracht und das Kempo an ihr Können angepasst. Und ich finde das alles auch richtig, solange es, wie schon gesagt, sinnvoll und nachvollziehbar ist. Übrigens ist das kein Kempo-Phänomen. So sind alle Kampfkünste entstanden, erst das hat zu dieser Vielfalt geführt, die es heute gibt.

Diese Vielfalt scheint Dein Motto zu sein. Auch der Verband Seibukan, dessen unermüdlicher Vorkämpfer Du bist, ist ja nicht nur eine Klammer für Kempo-Schulen?

Auf keinen Fall! Der will eben gar keine Klammer sein, und schon gar nicht allein für Kempo … Der „Nordrheinwestfälische Budo-Sport-Verband Seibukan“ wurde 1980 von Jörg Rüdiger Schütz in Bielefeld gegründet.  Es ist doch so, dass viele Kampfsportler dieses Verbands-Gedöns einfach über haben und sich weder durch überzogene Beiträge und Gebühren abzocken lassen wollen oder sich dauernd von Regeln und Verordnungen einengen wollen. Und da kam Jörg Rüdiger 1980 auf den Gedanken des Seibukan als Interessenvertretung von Budosportlern verschiedener Stilrichtungen. Als sich Jörg Rüdiger, der leider inzwischen verstorben ist, zurückziehen wollte, kam er 2005 ausgerechnet auf mich als seinen Nachfolger. Und seitdem versuche ich, den Seibukan mit Leben zu füllen.

Mit ziemlichem Erfolg, schließlich gehören mittlerweile 15 Vereine, Schulen und Dojos dazu, Tendenz wachsend. Doch Du bist ja nicht nur das Aushängeschild für den Seibukan, sondern auch in Sachen Turnier eine ganz zentrale Figur in unseren Breiten. Wie kam es dazu?

Andreas Brechmann 05Veranstaltungen wie Seminare, Trainingslager und eben auch Turniere gehören einfach zum Kampfsport dazu. Was zunächst ganz bescheiden anfing, hat sich mittlerweile zu Großveranstaltungen mit über 300 Teilnehmern und bis zu 700 Einzelstarts entwickelt. Da habe ich ein prima Team, welches mich extrem unterstützt, hier in Leopoldshöhe, aber auch in Lage. Zuletzt hatte unsere Meisterschaft hier sechs Kampfflächen. Auf die Leistung, solch ein Turnier auf die Beine zu stellen, bin ich schon ein wenig stolz.

Was sind Deine Ziele im nächsten und den kommenden Jahren?

Zunächst einmal wieder fit werden. Schon seit längerem schlage ich mich nicht mit Gegnern, sondern mit meiner Schulter herum, bin gerade wieder operiert worden und komme erst langsam wieder in Gang. Momentan geht da in Sachen Kempo gar nichts. Das wird in den nächsten Jahren mein größter Kampf: den eigenen Ehrgeiz ein wenig zügeln und auch mal auf den Körper und dessen Warnsignale hören. Zweimal Schulter-OP, abgerissene Sehnen und gebrochene Elle in den letzten Jahren – das reicht!
Dann die Schultern anderer belasten, was die Verantwortlichkeit im BSV OWL und oder Seibukan betrifft …
Einfach nicht mehr ärgern über „Dummheiten“ anderer. Das wird aber schwer werden, denn der BSV ist mein Baby, welches dabei ist, erwachsen zu werden. Und mit dem Seibukan habe ich im Namen von Jörg Rüdiger Schütz eine Verantwortung übernommen, welche ich für mich nach wie vor verpflichtend empfinde.
An eine nächste DAN-Stufe denke ich selber noch nicht. Da glaube ich, meinen 6. DAN gut zu vertreten und gleichzeitig die Distanz zu höher graduierten Meistern zu wahren. Denn ich kenne da so einige, welche auf Grund ihrer Leistung, ihres Budolebens und/oder der damit verbundenen Lebensweisheit diese hohen Dangrade wirklich präsentieren können und diese auch verdient tragen!!!